20.1. –– 27.1.2021
Solothurner Filmtage
Corona-Krise: Schweizer Filmschaffende geben Einblick

Die Corona-Krise trifft das Schweizer Filmschaffen mit voller Wucht. Im Sinne der Solidarität innerhalb der Schweizer Filmbranche publizierten wir von April 2020 bis zur Wiedereöffnung anfangs Juni eine Interview-Reihe, um die Folgen der Corona-Krise für den Schweizer Film sichtbar zu machen. 

Wir wollten von Regisseur*innen, Produzent*innen, Schauspieler*innen, Kameraleuten, Verleiherfirmen, Festivaldirektor*innen und Kinobetreiber*innen wissen, wie sich die Corona-Krise auf ihre Arbeit auswirkt und was für sie entscheidend ist.

 

 

 

5 Fragen an Frank Braun, Programmleiter Neugass Kino AG

Frank Braun ist seit 1998 Geschäftsleitungsmitglied und Programmleiter der Neugass Kino AG. Zur Neugass Kino AG gehören die Arthouse-Kinos Riffraff und Houdini in Zürich und Bourbaki in Luzern. Nach 10 Wochen gingen am Wochenende die Kinos wieder auf: Frank Braun spricht im Interview über die Wiedereröffnung und die Herausforderungen für die Kinos während und nach dem Lockdown. 

 

Zurück ins Kino! Mit dem Interview mit Frank Braun beschliessen wir unsere Interview-Serie «5 Fragen an» zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Schweizer Filmkultur. Von April bis zur Wiederöffnung der Kinos anfangs Juni haben 16 Filmschaffende unterschiedlicher Metiers teilgenommen. 

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Spätestens als anfangs März der Kinostart des neuen James-Bond-Filmes vom April in den November verschoben wird, geht in der Kino- und Verleihbranche die Sturmwarnung los. Trotz zunehmender Krisenlage bleiben die Zuschauerzahlen vergleichsweise hoch. Es scheint, als lache man dem heraufziehenden Unwetter ins Gesicht. Ich erinnere mich, wie Mitte März in einer gut besuchten Vorstellung vor Filmbeginn ein unterdrücktes Gehüstel sogleich imitiert und in kollektive Belustigung übergeht. Da ist sie zu greifen, die vielbeschworene Komplizenschaft des Publikums. 

Die Vollbremse vom 16. März kommt abrupt. Kein Airbag; für Schockstarre bleibt keine Zeit. Auf einen Schlag stehen unsere 13 Kinosäle und 3 Gastrolokale still. Unverzügliches Handeln ist angesagt, um den Schaden zu begrenzen. Ab sofort gilt Kurzarbeit. Doch der Lockdown zieht einen endlosen Rattenschwanz nach sich: Öffentlichkeit, Partner und Publikum informiert halten, verkaufte Tickets zurückerstatten, Vermietungen und Spezialanlässe absagen, Überbrückungskredit beantragen, um Ausfallentschädigung feilschen, Mieterlass abklären, Lagerbestände auflösen, geplante Renovationsarbeiten stoppen... Gleichzeitig intensivieren wir unser «On demand»-Angebot und prüfen Aktionen, wie ein mobiles Hinterhofkino oder Direktverkaufsstellen für Gemüse- und Früchteproduzent*innen in den Kinofoyers. 

Die Filmakquise, meine Kernaufgabe, wird zur Geisterfahrt. Anstatt in der Programmplanung fortlaufend Filmstarts zu fixieren, läuft alles in die umgekehrte Richtung. Termin um Termin löst sich in Luft auf. Die Verleiher ziehen reihenweise ihre Filme zurück; im Festivalkalender streicht ein Filmfestival nach dem anderen die Segel. Und plötzlich wird einem klar: Nein, das ist kein Sturm. Es herrscht komplette Windstille. Tote Hose! 

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen? 

Aktuell hält uns die Betriebswiederaufnahme auf Trab. Wie andere auch, haben wir uns in der Branche für eine gut koordinierte Wiedereröffnung mit genügend zeitlichem Vorlauf eingesetzt. Doch kaum erlaubt der Bundesrat, dass die Kinos bereits am 6. Juni wieder öffnen dürfen, hört man in der Branche nur noch die Devise «go, go, go!» – und der ursprüngliche Konsens wird vom Tisch gefegt. 

Uns bleibt keine Wahl. Aus zwingenden Gründen können wir nicht zurückstehen und knien uns ebenfalls in die Vorbereitungen einer überstürzten Wiedereröffnung. In kürzester Zeit müssen – auch bis jetzt noch – unzählige Detailfragen und knifflige Situationen geklärt werden. Welche Filmneuheiten stehen für einen Kinostart bereit? Welche Reprisen kommen nochmals ins Programm? Wie gewinnen wir das Publikum zurück? Und vor allem, wie lassen sich die notwendigen Schutzkonzepte wirksam umsetzen? Über Jahre erprobte Abläufe sind plötzlich nicht mehr praktikabel. Alleine um die Einhaltung des erforderlichen Personenabstands sicherzustellen, sind Massnahmen nötig, die den Personalaufwand in die Höhe und die Staffelung der Vorstellungen in die Länge ziehen. 

Was ist jetzt entscheidend?

Klar freuen wir uns darüber, dass es wieder möglich ist, Kino zu machen. Gleichzeitig ist die Wiedereröffnung unter diesen Umständen betriebswirtschaftlich höchst bedenklich. Die Saalkapazitäten sind stark eingeschränkt, der Filmnachschub mit zugkräftigen Titeln ist nicht gesichert und die kommenden Sommermonate sind bekanntlich Kassengift. Man muss kein Pessimist sein, um es vorauszusehen: Für alle Kinos öffnet sich die Schere zwischen Aufwand und Umsatz in einem Mass wie nie zuvor. 

Auch wenn das Publikum anstatt in die Badi oder Berge in die Kinos drängen sollte; die Kinos werden auch so durchs Band rote Zahlen schreiben (aber bitte kommt trotzdem alle!). Können die Kinos das durchhalten? Es wird u.a. davon abhängig sein, wie lange die Krisenlage andauert und wie rasch die Pandemie-bedingten Einschränkungen gelockert bzw. ganz aufgehoben werden.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Der offizielle Slogan der Branche «Back to Cinema» suggeriert, dass alles «back to normal», wieder wie früher wird. Welche Illusion! Die Kino- und Verleihbranche kann nicht mehr weiterkutschieren wie bisher. Sie muss sich zusammenraufen. Die Positionen der Kinos und Verleiher sind verhärtet. Anstatt einen Partner sieht man im Gegenüber einen Profiteur oder gar einen Feind. Dabei sind wir, ob man will oder nicht, eine Schicksalsgemeinschaft (was man übrigens getrost auf die gesamte Filmbranche ausweiten darf).

Die Kino- und Verleihbranche beharrt bei der Filmauswertung auf ihrer traditionellen Pole-Position und ignoriert, dass sie drauf und dran ist, von der allgemeinen Entwicklung abgehängt zu werden. Wenn sie eine Zukunft haben und über die Runden kommen will, muss sie sich verändern. Das kurzsichtige Handeln und die Wahrung der unmittelbaren Eigeninteressen müssen von einer gemeinsamen Strategie abgelöst werden, die von allen Involvierten getragen wird. Das lag schon vor Corona auf der Hand. Jetzt wird es definitiv zur Überlebensfrage.

Was bedeutet es für euch, die Kinos nach zwei Monaten Lockdown wieder zu öffnen?

Es kommt wieder Leben in die Bude 😉! Und wir können neben dem Substitut online endlich wieder den cinephilen Rausch in Reinform bieten. Selber stelle ich mich auf schwierige Zeiten ein. Was die 10 Wochen im «Koma» alles beschädigt haben und noch auslösen werden, ist offen. Sie werden folgenreich sein, das steht fest.

An welchen (Schweizer) Film erinnert dich die aktuelle Situation?

Der Lockdown an die drastische Bedrohungsmetapher in «Heimatland». Der jetzige erste Lockerungsschritt an den soeben anlaufenden «Love Me Tender» der Tessiner Regisseurin Klaudia Reynicke. Nur zu gern will ich hoffen, dass es uns wie der Hauptfigur ergehen wird. Sie überwindet ihre Riesenangst und wagt sich raus. Notgedrungen geht sie ins Risiko, fasst Tritt und ermächtigt sich selbst. 

 

Schweizer Filme, jetzt (wieder) im Kino:

«Mare» (2020) von Andrea Štaka

«Love Me Tender» (2019) Klaudia Reynicke

«Lockdown Collection» (2020), #1 bis #3

«Platzspitzbaby» (2019) von Pierre Monnard

 

Links:

Neugass Kino AG

Trailer «Heimatland» (2015) von Michael Krummenacher, Jan Gassmann, Lisa Blatter, Gregor Frei, Benny Jaberg, Carmen Jaquier, Jonas Meier, Tobias Nölle, Lionel Rupp, Mike Scheiwiller 

 

 

 

 

 

 

 

5 Fragen an Yves Blösche, Filmverleiher Filmcoopi Zürich

Yves Blösche ist seit 2015 geschäftsführender Partner beim Filmverleih Filmcoopi Zürich, der 1972 gegründet wurde. Die Filmcoopi Zürich zählt zu den unabhängigen Schweizer Filmverleihern und hat einen Fokus auf zeitkritische und künstlerisch wertvolle Filme. Die Corona-Pandemie wirkte sich unmittelbar auf den Vertrieb der Filme aus: Der Filmverleih lebt  von den Kinos, die plötzlich alle die Tore schliessen mussten. Yves Blösche gibt das Interview inmitten der Vorbereitungen zur Wiederöffnung der Kinos am 6. Juni.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Am ersten Märzwochenende hatten wir mehrere Premieren von «Die Känguru-Chroniken» mit Dani Levy, und sie waren trotz ersten Meldungen von Covid-19-Ansteckungen in der Schweiz sehr gut besucht. Das stimmte mich hoffnungsvoll über den weiteren Verlauf. Ein paar Tage später kam der Shutdown und alle Kinos wurden geschlossen. Die Pandemie hat sich unmittelbar und direkt auf meine Arbeit ausgewirkt. Ich musste mein Pensum reduzieren, da die Betreuung meiner Kinder nicht mehr gewährleistet werden konnte. Der Filmverleih lebt vom Kino, welches plötzlich nicht mehr existierte. Wir haben Kurzarbeit angemeldet, das Tagesgeschäft wurde weitgehend eingestellt, wichtige Fixpunkte im Jahr wie zum Beispiel das Festival in Cannes wurden aus der Agenda gestrichen. 

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen? 

Anfänglich hatte ich Mühe mit der ständigen Ungewissheit. Etwas wie Planungssicherheit gab es nicht. Unser wöchentliches Team-Meeting haben wir als Video-Call organisiert, um wichtige Themen zu besprechen und im Kontakt zu bleiben. Ich versuchte mich den Gegebenheiten bestmöglich anzupassen und sinnvolle Entscheidungen zu fällen. Viele Arbeiten in den letzten Wochen habe ich zum ersten Mal gemacht und dabei viel gelernt. Der unsichere Blick in die Zukunft wird noch andauern, deshalb ist es mir wichtig, meine Gelassenheit nicht zu verlieren. 

Was ist jetzt entscheidend?

Dass die Ansteckungsraten weiterhin tief bleiben und damit das Erlebnis Kino wieder in den Vordergrund rückt. Am 6. Juni gehen eine Vielzahl der Lichtspielhäuser wieder auf. 

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Ja, in der Filmcoopi Zürich sind wir mit neuen Fragestellungen konfrontiert, die ich als Chance sehe. Wir arbeiten an verschiedenen Projekten, um die Zukunft der Firma langfristig zu sichern. Der Austausch zwischen Produktion, Verleih und Kino wurde auf verschiedenen Ebenen intensiviert, was mir positiv in Erinnerung bleiben wird und auch zukunftsweisend ist. 

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie ganz aufgehoben werden?

Ich freue mich auf die sozialen Kontakte, welche nun wieder vermehrt möglich sind. Und auf das Wiedersehen mit dem ganzen Team. 

An welchen Film erinnert dich die aktuelle Situation?

Der neue Film vom Elia Suleiman, «It Must Be Heaven», kriegt durch die Ausgangssperren eine ganz neue Dimension. Der Protagonist des Films durchstreift leergefegte Metropolen wie Paris und New York und beobachtet das minimale Treiben aufmerksam. Eine politische Komödie, wie sie aktueller nicht sein könnte. Der Film ist ab dem 18. Juni in den Deutschschweizer Kinos zu sehen. 

 

Kommende Schweizer Filme: 

«Sekuritas» von Carmen Stadler (Premiere Solothurner Filmtage 2020), 23. Juli 2020

«Citoyen Nobel» von Stéphane Goël (Premiere Solothurner Filmtage 2020), 6. August 2020

«Paul Nizon: Der Nagel im Kopf» von Christoph Kühn (Premiere Solothurner Filmtage 2020), 10. September 2020

 

Links:

Offizielle Website Filmcoopi Zürich 

Trailer  «It Must Be Heaven»

Trailer «Die Känguru-Chroniken»

Generationenwechsel im Filmverleih, Radio SRF 2, Kontext

 

 

 

 

 

 

 

5 Fragen an Anaïs Emery, Direktorin des NIFFF und zukünftige Direktorin des GIFF

Die gebürtige Neuenburgerin Anaïs Emery ist Mitbegründerin des Festival International du Film Fantastic de Neuchâtel (NIFFF) und Mitglied der Fédération Européenne de Festival de Films Fantastiques. Davor u.a. Direktorin des Festival international de Science-Fiction im französischen Nantes, Programm-Mitarbeiterin eines unabhängigen Kinos und Studium der Filmwissenschaften der Universität Lausanne. 2021 wird Anaïs Emery das Genfer Festival GIFF übernehmen, in der Nachfolge von Emmanuel Cuénod, der sein Engagement für das Festival nach der 26. Ausgabe im November 2020 abschliesst.

Im Juli 2020 hätte das 20-jährige Bestehen des Neuenburger Festivals NIFFF gefeiet werrden sollen. 

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Anaïs Emery: Als die Corona-Krise begann, war das Team des NIFF 200%-ig mit den Vorbereitungen für die 20. Ausgabe beschäftigt. Ab dem 13. März waren wir im Homeoffice. Es ist in diesem nie vorher dagewesenen Kontext, in dem wir die digitale Sonderausgabe des NIFFF erfunden haben, die nun im Juli stattfinden wird. 

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen? 

Meine Herausforderung: das Homeoffice mit maximaler Arbeitsbelastung und gleichzeitig die Betreuung der Kinder zu Hause. Ich versuche, die Dinge zu relativieren, offen zu bleiben und mir realistische Ziele zu setzen. Es gelingt mir nicht immer. Doch die Krise hat mir auch ermöglicht, über die Essenz meiner Arbeit nachzudenken und neue Facetten zu erproben. 

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Ich glaube, dass diese Zeit uns gezeigt hat, dass die Abgeschiedenheit unserer Konzentration auch zuträglich sein kann, jedoch der Dialog in Anwesenheit anderer unersetzlich ist. Das Suchen nach dem idealen Gleichgewicht hierin kann Anstoss sein zum Nachdenken über unser aller Zukunft. Wir sind vor diesen aktuellen Herausforderungen nicht alle gleich. 

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie ganz aufgehoben werden?

Das soziale und kulturelle Leben langsam wieder aufnehmen – wenn auch mit der gebührenden Distanz. Ich vermisse die Filmfestivals sehr, die Kinos, die Begegnungen… 

An welchen (Schweizer) Film erinnert dich die aktuelle Situation?

An «Black Out», das unbekannte Meisterwerk von Jean-Louis Roy. Der Film ist von 1970 - und ein echter Schweizer Filmschatz. Visionär, wie er die Angst vor dem Anderen thematisiert. Im Zentrum der Geschichte steht ein älteres Paar, das sich aus Angst vor dem sozialen Miteinander in Selbstisolation begibt. Schwindelerregend, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt.

 

Links : 

Die Website des NIFFF in Neuenburg 

Das Programm «FANTASTIQUE 20 20 20»  

Die Website der Fédération Européenne de Festival de Films Fantastiques 

Die Website von «Les Utopiales, Festival international de Science-Fiction»

RTS Radio, Sendung Vertigo, 7. Mai 2020: Anaïs Emery verlässt das NIFFF für das GIFF 

Die Website des Geneva International Film Festival (GIFF) 

 

 

 

 

 

 

 

5 Fragen an Denis Jutzeler, Kameramann

Denis Jutzeler ist Fotograf und Kameramann. Seit 1990 führt er die Kamera für Spielfilme - unter anderem von Alain Tanner («Paul s'en va», «Fleur de sang», «Jonas et Lila», «Fourbi») - und Dokumentarfilme wie «Vol spécial» von Fernand Melgar.2014 wurde er mit dem Schweizer Filmpreis (Beste Kamera) für «Left Foot Right Foot» von Germinal Roaux ausgezeichnet.

Von März bis Oktober 2020 standen für Denis Jutzeler eigentlich drei Projekte auf dem Programm: ein Dokumentarfilm zum Thema  Sozialhilfe,  eine Spielfilm-Serie für IDIP Films und eine Auftragsproduktion für RTS. Letztere Dreharbeiten wurden abgesagt, für die Realisierung des Dokumentarfilms steht noch kein neuer Drehbeginn fest und die Spielfilm-Serie ist nun voraussichtlich für anfangs September vorgesehen.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Die Corona-Krise wirkt sich bei mir in zweierlei Hinsicht aus. Durch den Verlust meiner Aufträge und die unsichere Situation für das kommende Jahr.

Und dadurch, wie sich die Zukunft der Kultur, insbesondere das Filmschaffen, entwickelt, das in der Schweiz bereits ziemlich in der Krise steckt. Die aktuelle Situation bringt Zweifel und wirft eine Menge Fragen auf: Was machen? Wie weiter? Ich habe im Moment keine Antwort darauf. Ich schaue mir mit gesenktem, über meinen Bildschirm gebeugten Kopf Filme an, die ich liebe. Ist das vielleicht ein Zeichen?

Ich bin sehr beunruhigt durch all die individuellen Schicksale und schockiert und wütend darüber, dass die Kultur und die kulturellen Akteure derart angegriffen werden. Vielleicht bietet diese Krise ja die Chance, dass wir zusammenzustehen wie nie zuvor: Jetzt, wo es zu handeln, über die Zukunft der Bedeutung des Wörter nachzudenken und sich gegen die Ausgrenzung zu wehren gilt - und wir eine Krise handhaben müssen, von der man den Ausgang und die Folgen noch nicht kennt.

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen?

Während des Lockdowns vermisste ich die so wichtigen Begegnungen mit anderen Menschen. Bis die Dreharbeiten wieder starten, konzentriere ich mich im Moment fast ausschliesslich auf meine Arbeit als Fotograf.

Ich schaue mir jeden Tag einen Spiel- oder Dokumentarfilm aus meiner Filmsammlung  an, es ist wie eine Lebensnotwendigkeit. 

Ich fühle mich nicht abgeschieden, sondern ausgeschlossen: Dagegen gilt es nun mehr denn je anzukämpfen, indem wir das Wort ergreifen, in dem wir uns dagegen wehren, dass diese Krise uns marginalisiert und uns auf ein eigentliches Schweigen reduziert, das von der in Panik geratenen Wirtschaft und Politikerinnen und Politikern gesteuert wird.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Es ist natürlich kompliziert, in so kurzer Zeit neue Arbeitsmethoden einzuführen, ohne dabei das Wichtigste ausser Acht zu lassen: Die Filme sind da, um gesehen zu werden. Es geht um ein gemeinsames Filmerlebnis.

Es ist nicht nur eine Generationenfrage. Ich gehöre der Generation an, die sämtliche technischen Entwicklungen der letzten 40 Jahre miterlebt hat - und ich bleibe dem Filmerlebnis auf der Leinwand sehr verbunden: der Präsenz der Zuschauerinnen und Zuschauer; der Idee, dass das Kino – und die darstellende Kunst allgemein – in Zukunft nicht nur noch auf einem kleinen Bildschirm präsent ist und den Zuschauer in einer Einsamkeit einschliesst, die das Tor für die Formatierung/Uniformisierung des Individuums öffnet.

Sind die Initiativen im Internet und die sozialen Medien eine Antwort auf die Situation? Ich weiss es nicht. Ich würde gerne den französischen Philosophen Jacques Derrida über die Folgen der Corona-Krise und das zukünftige Verhalten befragen. 

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie ganz aufgehoben werden?

Als Erstes werde ich meine Freunde besuchen und sie in die Arme schliessen. Und dann möchte ich natürlich auch so schnell wie möglich wieder diesen Moment erleben, wenn der Saal dunkel wird und der Film beginnt.

An welchen Film erinnert dich die aktuelle Situation?

Was mich beim Lockdown von Anfang an erstaunte, war die Stille und das auf sich selbst Zurückgeworfensein. Das erinnerte mich an das eher bedrückende Gefühl, das der Film «Das Schweigen» von Ingmar Bergman bei mir hinterlassen hatte: die Langsamkeit des Films, die beiden Schwestern und das Kind isoliert in diesem Hotel, das Warten, das fast erstarrte Leben, das Leiden, die Krankheit. Der Film ist in jeder Hinsicht ein Meisterwerk.

 

 Links:

Website von Denis Jutzeler: http://www.denisjutzeler.ch

Portrait von Denis Jutzeler, realisiert durch die Studentinnen und Studenten der HEAD und der ZHdk (Produktion RTS SRF): https://vimeo.com/325836288

Trailer «Ceux qui travaillent» (2018) von Antoine Russbach: https://youtu.be/Q4Z6vF-WkNw 

Trailer de «Keeper» (2015) von Guillaume Senez: https://youtu.be/7T8_XhwpD7E

Trailer «Left foot Right foot» (2013) von Germinal Roaux: https://www.youtube.com/watch?v=QnjVtZogVwk 

Trailer «Vol spécial» (2011) von Fernand Melgar: https://youtu.be/9vL1PgyL0lk 

Website Alain Tanner: http://www.alaintanner.ch/index.php/accueil

 

 

 

 

 

 

 

5 Fragen an Gabriela Betschart, Kamerafrau

Nach dem Studium in Grafik und Design studierte Gabriela Betschart Film an der Hochschule Luzern Film (HSLU). Ihr Abschlussfilm «Bipolar. An Interview with Richard» bei dem sie für Regie, Kamera und Schnitt verantwortlich war, nahm an über 25 Festivals weltweit teil. 2012 schloss Gabriela Betschart das Kamerastudium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) unter anderem mit den Dokumentarfilmen «Ma Na Sapna – Träume einer Mutter» von Valerie Gudenus und «Neuland» von Anna Thommen ab, der an den Solothurner Filmtagen 2014 den «Prix du Public» gewann. Sie führte auch die Kameraarbeit für den Dokumentarfilm «#Female Pleasure» (2018) von Barbara Miller. 

Neben ihrer Tätigkeit als freischaffende Kamerafrau und Regisseurin gibt Gabriela Betschart Filmkurse im Kulturbüro St. Gallen und ist Gastdozentin an der ZHdK. 

Als die Corona-Pandemie ausbrach, standen für sie gerade die Dreharbeiten für «Les Nouvelles Èves» an. Der Dokumentarfilm gewann den 10. CH-Dokfilm-Wettbewerb von Migros Kulturprozent, der 2020 im Rahmen der 55. Solothurner Filmtage 2020 vergeben wurde. 

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Am Donnerstag vor dem Lockdown begannen wir mit dem ersten Drehtag des Kinodokumentarfilms «Les Nouvelles Èves». Der Film mit sechs Episoden von sechs verschiedenen Regisseurinnen hätte in den letzten Wochen gedreht werden sollen, doch daraus wurde nichts. Vor allem darum, weil sich die Gegebenheiten vor der Kamera total veränderten, vieles fand nicht statt und niemand wusste im ersten Moment wie damit umzugehen ist und wie sich das Ganze entwickelt.

Ein weiterer Dreh, der im Ausland hätte stattfinden sollen, wurde auch abgesagt. Was blieb war ein kleines Pensum an der ZHdK, für das ich dann auf den Online-Unterricht umstieg. Durch meinen Arbeitsausfall übernahm ich die Vollzeit-Betreuung unserer beiden Kinder, die nicht mehr in die Kita bzw. in den Kindergarten/Hort gehen konnten und auch nicht mehr von den Grosseltern betreut wurden.

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen?

Im ersten Moment stellte sich bei mir eine Art Feriengefühl ein, ich und viele um mich herum schwebten irgendwie schwerelos umher und versuchten das Ganze einzuordnen. Von einem auf den anderen Tag haben sich alle Drehtage in Luft aufgelöst. Mit der Schulschliessung war mir dann klar, dass es ein Weilchen dauern wird, bis das Ganze durch ist. Die letzten zwei Monate war ich, durch die Umstände, in einer total anderen Rolle und verbrachte viel Zeit Zuhause mit meinen Kindern. Ich finde aber, trotz Einschränkungen und Umorganisation befinde ich mich in einer sehr privilegierten Situation, die (noch) zu keinen schwerwiegenden Konsequenzen führte.

Vor zwei Wochen hatte ich dann wieder den ersten Dreh, mit Mundschutz und Desinfektionsmittel. Langsam tröpfeln wieder neue Drehtermine rein. 

Da die Nähe zu Protagonisten im Dokumentarfilm ein zentrales Element ist, frage ich mich schon, welchen Einfluss es auf mich und meine Bilder oder auch auf das Verhalten der Leute vor der Kamera hat. Wir werden sehen...

Was ist jetzt entscheidend?

Ich hoffe die Leere wird nun nicht überstürzt gefüllt. Es braucht Zeit um laufende Projekte neu zu überdenken. Muss Corona überhaupt in den Filmen thematisiert werden? Und wenn ja, wie? Natürlich bin ich froh, möglichst schnell wieder bei geplanten Drehs dabei zu sein und freue mich, wenn es wieder richtig los geht. Aber in den letzten Wochen ist in unseren Köpfen einfach sehr viel passiert und unsere Realität hat sich stark verändert. Es wäre schade, wenn die Qualität der Filme darunter leidet. Genau jetzt ist es wichtig, dass wir starke Filme erschaffen.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Für mich ist es noch zu wenig greifbar, wie sich das Ganze wirklich auswirken wird - auf die Gesellschaft, auf die Filmbranche, auf meine Arbeit. Wer weiss, äussere Zwänge können die Kreativität beflügeln! Ich ertappe mich in letzter Zeit oft dabei, mehr als vor Corona, in Eventualitäten zu denken. Ich lege mir mögliche Optionen zurecht, die mir Sicherheit geben und aufzeigen, dass doch vieles möglich wäre...

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie ganz aufgehoben werden?

Auf ungezwungene Abende mit Freunde und Familie freue ich mich wieder... und Ferien in Sizilien wären irgendwann auch wieder schön!

An welchen Film erinnert dich die aktuelle Situation?

Durch die eingeschränkte Mobilität und das mehrheitliche Zuhause-Bleiben glich mein Alltag eher einer Sitcom: über mehrere Wochen immer dasselbe «Bühnenbild» und eine begrenzte Auswahl an Schauspielern inkl. einzelnen Gastauftritten (beispielsweise Lieferdienste). Nicht die beste Sitcom aber auch nicht die schlechteste!

Und wenn ich über den eigenen Tellerrand blicke, ist es nach wie vor wichtig gesellschaftlich relevante Themen, die schon vor Corona existierten und dadurch noch prekärer wurden (u.a. Grenzschliessungen) trotz allem nicht aus den Augen zu verlieren. Darum erwähne ich hierzu gerne den Dokumentarfilm «Fuocoammare» von Gianfranco Rosi. 


 

Links: 

Webseite von Gabriela Betschart: www.gabrielabetschart.ch

Medienmitteilung zu «Les Nouvelles Èves» von Camille Budin, Annie Gisler, Jela Hasler, Wendy Pillonel und Anna Thommen. Produktion: Judith Lichtneckert und Liliane Ott, Emilia Productions, Zürich: https://www.migros-kulturprozent.ch/de/medien/medienmitteilungen/480000-franken-fur-das-dokumentarfilmprojekt-les-nouvelles-eves

«#Female Pleasure» von Barbara Miller (Dok, 2018), Production Mons Veneris Films: https://www.femalepleasure.org/deutsch

«Neuland» von Anna Thommen (Dok, 2013), Production ZHdK & Famafilm http://neuland-film.ch/trailer/  

«Ma Na Sapna - A Mother‘ Dream» von Valerie Gudenus (Dok, 2013), ZHdK: https://vimeo.com/ondemand/amothersdream/89522712?hc_location=ufi

Swiss Cinematographer’s Society: https://www.swisscameramen.ch

 

 

 

 

 

 

 

5 Fragen an Kacey Mottet Klein, Schauspieler

Im Alter von knapp 10 Jahren wird Kacey Mottet Klein für Ursula Meiers Film «Home» gecastet. Für sein Filmdebüt an der Seite von Isabelle Huppert erhielt er den Schweizer Filmpreis. 2010 verkörperte er im Film «Gainsbourg - Vie héroïque» von Joann Sfar den jungen Serge Gainsbourg.

Danach spielt Kacey Mottet Klein in weiteren Filmen von Ursula Meier: in «Sister» (2012) an der Seite von Léa Seydoux, für den er zum zweiten Mal mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet wurde, sowie in «Kacey Mottet Klein, naissance d'un acteur» (2015) und «Ondes de choc – Journal de ma tête» (2017). Der 1998 in Lausanne geborene und international tätige Schauspieler weilt momentan in der Schweiz.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Die Filmbranche steht wie viele andere Branchen seit Beginn des Lockdowns vollständig still. Für mich hat sich dadurch jedoch nichts gross verändert. Die nächsten Dreharbeiten, die für Ende Juni vorgesehen waren, wurden einfach auf Ende Juli verschoben. Wie ich erfahren habe, sollen für den Dreh zahlreiche Massnahmen ergriffen werden. Denn zwischen den Teams – und vor allem zwischen den Schauspielerinnen und Schauspielern -  ist es schlicht unmöglich, Abstand zu halten. So viel ich weiss, soll das ganze Team vor den Dreharbeiten in Quarantäne geschickt werden.

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen?

Ich versuche wie viele andere auch, mich neu zu erfinden. Seit letztem Jahr habe ich keine Filme mehr angenommen, um mich zu erholen. Ich arbeite bereits seit einigen Monaten an einem Projekt, das nicht unbedingt mit dem Filmbereich zu tun hat: dem Escape Game «Horrorhaus» – und das füllt mich gerade ziemlich aus. Hart ist für mich im Moment, dass ich das letzte Flugzeug verpasst habe, um nach Marokko zu meiner Freundin zu fliegen. Besonders beängstigend ist für mich, dass man im Moment überhaupt nicht weiss, wann man wieder reisen kann.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Ich glaube leider nicht, dass sich diese Krise für die Filmbranche in irgendwelcher Weise positiv auswirkt. Im Gegenteil, ich befürchte, dass sie von der Geldmaschinerie der Filmindustrie geschluckt wird. Das die Leute immer weniger ins Kino gehen und dass noch mehr «Mainstream»-Filme geschaut werden als vor der Corona-Krise.

An welchen (Schweizer) Film erinnert dich die aktuelle Situation? Und gibt es einen Film, der dir im Moment besonders viel bedeutet? 

Wenn es einen Film gibt, der das wiedergibt, was wir im Moment durchleben, dann ist das für mich wie für viele «Contagion» von Steven Soderbergh. Die Ängste, die durch die Quarantäne ausgelöst werden können, werden sehr gut sichtbar in «Home» – dem ersten Film, in dem ich mitgespielt habe. Die Familie schliesst sich ein, um sich vor der Autobahn zu schützen, die als Sinnbild für den schädlichen Virus betrachtet werden kann. Um nicht zu viel darüber nachzudenken, schaue ich gerne Liebesfilme von Sofia Coppola. Sie tun einem extrem gut, wenn man gezwungen ist, so weit weg von seiner Freundin zu sein.

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie ganz aufgehoben werden? 

Ich glaube, du kennst meine Antwort schon. Ich werde mich ins nächste Flugzeug stürzen, um zu meiner Freundin zu fliegen. Danach werde ich auf alle Fälle mit ihr in die Ferien fahren, bevor ich meine Arbeit wieder aufnehme.  

 

Links:

Kacey Mottet Klein – der Schweizer Shootingstar, 10vor10, SRF, 10.02.2016

Die kleine Kinoschule: Anfänge eines Schauspielers von Ursula Meier, SRF, 2018

Schauspieler Kacey Mottet Klein mit Zukunftsängsten, Glanz und Gloria, SRF, 18.02.2019

Trailer «Home» von Ursula Meier 

Trailer «Winterdieb» («Sister») von Ursula Meier

Trailer «Ondes de choc – Journal de ma tête» von Ursula Meier 

 

 

 

 

 

5 Fragen an Andrea Štaka, Regisseurin

Bereits ihre frühen Filme «Hotel Belgrad» (1998) und «Yugodivas» (2000) brachten Andrea Štaka Anerkennung an internationalen Festivals wie Locarno und Sundance ein und waren für den Schweizer Filmpreis nominiert. Ihr erster langer Kinospielfilm «Das Fräulein» (2006) gewann den Goldenen Leoparden am Locarno Film Festival sowie den Schweizer Filmpreis für das Beste Drehbuch. 

Ihr neuer Spielfilm «Mare» (2020) feierte Ende Februar an der 70. Berlinale Weltpremiere, der Kinostart des Films musste infolge der Corona-Krise jedoch bereits nach drei Tagen unterbrochen werden. Andrea Staka ist Teil der «Lockdown-Collection By Swiss Filmmakers», die in den letzten Wochen entstanden und aktuell im Fernsehen und online zu sehen ist.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Mein Film «Mare» lief nach der Premiere an der Berlinale drei Tage in der Deutschschweiz im Kino, dann kam der Lockdown. Päng, aus, Kinos zu. Es war ein Horror. So viele Leute wollten den Film noch sehen. Ich fühlte mich wie in einem startenden Flugzeug, bei dem die Notbremse gezogen wird. Momentan steht  «Mare» auch international still, die kommenden Festivals sind abgesagt, dem Weltvertrieb sind die Hände gebunden. 

Wir werden «Mare» wieder auf die Leinwand  bringen, sobald die Kinos wieder aufgehen. Die Promotion wird wichtig sein, denn die Leute müssen erfahren, dass «Mare» wieder läuft. Wir haben nicht so einen Apparat wie Hollywood und Geld für Werbung. Die Zeitungen müssen nochmals schreiben, und wir werden die Arbeit dafür machen müssen. Warum nicht, denke ich manchmal und schmunzle. So eine Situation hatten wir ja noch nie.  

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen?

Ich wollte an meinem neuen Drehbuch schreiben, aber so 1:1 geht das nicht. In vielen Szenen umarmen sich Leute, feiern Feste, lernen sich kennen, kommen sich nahe. Als ich anfangs des Lockdowns einen Film online schaute, fand ich es komisch zu sehen, wie die Menschen sich umarmen. Da liess ich das Schreiben vorerst. Ich drehte einen kurzen Film über diese Zeit, 30 Regisseurinnen haben mitgemacht in der «Lockdown Collection» von SRG SSR und BAK. Das tat gut, mit filmischen Mitteln dem näher zu kommen, was grad passiert. Der Kurzfilm heisst «My mom, my son and me». Das finanzielle Loch wird bei mir erst in ein bis zwei Jahren sichtbar sein. Es ist schwieriger neue Projekte anzureissen, vor allem wenn es um die internationale Zusammenarbeit geht.

Was ist jetzt entscheidend?

Es ist kein Schweizerfilm-Problem. Wir machen weiter, anders als bisher. Das ist klar! Eine schwierige Frage… Einfach Mut zu Kreativität, Flexibilität und Geld.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Momentan bleibt mehr Zeit für die inhaltliche Auseinandersetzung, weil wir nicht so viel unterwegs sind. Ich hoffe, dass wirkt sich positiv auf die Filme aus. Auch junge Leute, die flexibler sind mit der virtuellen Kommunikation oder gegen den Strom arbeiten, kommen nun stärker zum Zug. Ich hoffe auf mehr Mut im Inhaltlichen.

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie ganz aufgehoben werden?

Ich setz mich ins Kino, und dann nehme ich den Nachtzug ans Meer.

An welchen (Schweizer) Film erinnert dich die aktuelle Situation?

«The Host» von Bong Joon-Ho. Die Angst vor dem Monster ist für mich ein Bild für die innere Angst, die wir vor dem «unsichtbaren» Virus und den Folgen haben.

 

Links:

Berlinale 2020: Mare - Q&A with Andrea Štaka at Zoo Palast: https://www.youtube.com/watch?v=IgbvNuVitNQ

Trailer «Mare» (2020): https://www.mare-film.com/trailer.html

Trailer «Das Fräulein» (2006):  https://www.filmo.ch/katalog/staffel-1/das-fraeulein.html

«My mom, my son and me» von Andrea Štaka: «Lockdown Collection», aktuell produziert von Frédéric Gonseth, Michaela Pini und Michael Steiger, mit Unterstützung des BAK und in Ko-Produktion mit der SRG SSR. 

https://www.srf.ch/play/tv/chfilmszene/video/lockdown-collection-my-mom-my-son-and-me?id=38b3a7cb-cc1e-4447-bba8-769d2d9910ba

Okofilm Productions: http://www.okofilm.ch/main.html

Der biographische Zufall und die Frage nach dem Exil: Andrea Štaka als auteur, von Vinzenz Hediger: http://www.okofilm.com/pdf/directors/Directors_Portrait_Staka_de.pdf

 

 

 

5 Fragen an Ivan Madeo, Produzent

Der Co-Gründer und Co-Leiter von Contrast Film, Ivan Madeo, und seine Partner Stefan Eichenberger und Urs Frey sind unter anderem Produzenten der Filme «Der Kreis» von Stefan Haupt, «Neuland» von Anna Thommen, den kollektiven Kinospielfilm «Heimatland» und «Der Läufer» von Hannes Baumgartner. Durch die Corona-Krise sind mehrere seiner Filmprojekte blockiert.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Sehr unterschiedlich. Die Projekte in Entwicklung trifft es kaum, mit Ausnahme des international zusammengesetzten Writers Rooms unserer Serie «Davos». Koproduktionen in Pre- oder Postproduktion sind dagegen zu grossen Problemen geworden, weil sie derzeit komplett stillstehen. Und für den Spielfilm «Stürm» (von Oliver Rihs) hatten wir Festivalzusagen und einen Kinostart, der mehrmals verschoben werden musste – nun kommt alles anders. Immerhin hatten wir aber keinen Drehabbruch wie einige Kolleg*innen von uns. Wir hatten Glück im Unglück.

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen? 

Filmschaffende und Kulturschaffende allgemein sind Meister der Anpassung und des Überlebens. Unser ganz normaler Alltag besteht aus Veränderungen, Nicht-Planbarkeit, unbekannten Variablen. So bringen wir stetig neue Werke, unvergessliche Events, teils sogar Anstellungsmöglichkeiten für viele andere in der Branche zustande. Wir planen also auch unter Corona weiter - und planen neu und wieder neu.

Was ist jetzt entscheidend?

Für den einzelnen ist es in der aktuellen Situation noch wichtiger denn je, weiter zu träumen und zugleich in konkreten Taten zu denken. Grosse Visionen zu entwickeln und bei deren Planung auf Sicht zu fahren. Für die Branche ist hingegen entscheidend, dass möglichst umfassend und unkompliziert finanzielle Unterstützungen für die wirklich notwendigen Fälle und Projekte angeboten werden, bevor Firmen eingehen. Ich sage umfassend und unkompliziert, weil wir selber nun seit Wochen im Verordnungs- und Paragraphendschungel herumirren. Und, und auch wenn alle Stellen in dieser unverhofften Situation ihr Bestes geben, ist das Tempo der Lösungsfindungen nun mal überlebenswichtig.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Ich denke ja. Wie der Soziologe Andreas Reckwitz darlegte: Während man so genannt systemrelevante Wirtschaftszweige zu retten versucht, wird immer klarer, wie systemrelevant die Kultur ist. Die Corona-Krise zeigt, wo Gesundheitspuritanismus hinführt: Am Ende bleiben wir gesund, aber unser Leben ist verarmt. Wir brauchen über das Überlebensnotwendige hinaus auch die Kommunikation, die Ästhetik, das Spiel, den Gemeinschaftssinn – eben die Kultur. Jetzt ist unsere Chance, die gesellschaftliche Relevanz unserer Branche den Kredit-sprechenden Politikern klar zu machen.

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie ganz aufgehoben werden?

Kontakten! Mit der nötigen Vorsicht, klar, aber mich wieder mit meinen Eltern treffen, die seit dem Lockdown mitten in der Mailänder «zona rossa» in Quarantäne leben, mit meinem Bruder, den Göttikindern, Freunden und Geschäftspartnern. Ich vermisse das gemeinsame Essen, Lachen, Streiten, Ausgehen sehr.

An welchen (Schweizer) Film erinnert dich die aktuelle Situation und weshalb?

Ich denke an den Film «For Sama»: ein schwer zu ertragendes und doch unglaublich animierendes Dokument über das Leben unter Belagerung im Syrienkrieg. Eine Familie und ihre Freunde bleiben während den Bombardements im Keller ihres Spitals eingesperrt. Alle anderen in der Stadt flüchten, doch sie bleiben - um sich zu wehren. Ich staune, wozu Menschen in der Krise fähig sind. Und ich bin dankbar für das Privileg, ein zwar historisches, aber vergleichsweise doch nur kleines «Lockdownchen» hier in der Schweiz durchstehen zu müssen.

 

Links:

Cinébulletin.ch, 18 Mai 2017: https://cinebulletin.ch/de_CH/artikel/dahin-wo-es-weh-tut

Trailer «Der Kreis»:  https://contrastfilm.ch/de_DE/portfolio/der-kreis/

Website «Der Kreis»:  http://www.derkreis-film.ch

Trailer «Heimatland»:  https://youtu.be/3fzE481uu18

Trailer «Neuland»:  https://youtu.be/x0-VwXLIetU

Trailer «Der Läufer»:  https://www.youtube.com/watch?v=q6M5AX4y6D4 


Website Contrast Film:  https://contrastfilm.ch/de_DE/

 

 

 

5 Fragen an Didier Zuchuat, Kinobetreiber

Didier Zuchuat hat zwei Leidenschaften: altehrwürdige Kinosäle und Schiffe. Passionen, die der Genfer Kinobetreiber am liebsten mit anderen teilt. Didier Zuchuat betreibt aktuell zwei Kinos in Genf: das Ciné17 und das Cinérama Empire. Im Frühling 2021 wird ein drittes Kino mit 6 neuen Kinosälen dazu kommen: Das Ciné Rex, das ausschliesslich Filme in untertitelter Originalversion zeigen wird.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Die Schliessung der Kinos, die am 16. März 2020 vom Bund verordnet wurde, gilt für das Publikum. Doch in einer kleinen 5er-Gruppe schauen wir weiterhin Filme im Kinosaal an… So können wir restaurierte Filmkopien von Klassikern überprüfen und kommende Filme entdecken, aber auch Film-Rushes und in Produktion stehende Filme unserer Partner visionieren: Dadurch werden die zwei Kinos alternierend in Betrieb gehalten, denn diese Anlagen und Geräte sind ja nicht für den Stillstand gemacht, sondern für den täglichen Betrieb. 

Wie meisterst oder überwindest du die Herausforderungen?

Es bedeutet viel Administration, um die Situation unserer 13 Arbeitnehmenden, die sich in Kurzarbeit befinden und den künftigen Kinobetrieb zu sichern… Der Lockdown bietet aber auch Gelegenheit für grosse Reinigungs- und Wartungsarbeiten, technische Updates und kleine Arbeiten, die nicht so dringend sind. Besonders anstrengend sind die Verhandlungen mit den Hausbesitzern, denn sie wollen von einer vorübergehenden Mietreduktion nichts wissen.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Unsere zwei Kinos waren die letzten, die geschlossen haben und werden die ersten sein, die wieder öffnen. Klar ist jedoch: Auch die Situation nach dem Lockdown verlangt besondere Massnahmen, was sich langfristig auf die Kino-Eintritte niederschlagen wird. Die Besucher haben Angst vor dem kleinen Virus. Das Ciné17 mit seinen 224 Sitzen mit einer VIP-Bespielung für 81 Personen wieder eröffnen. Es wird zwischen den einzelnen Besucher*innen genügend Platz haben. Doch müssen wir auch schauen, dass sich das Publikum beim Einlass und Auslass nicht kreuzt, was wiederum eine Reduzierung der Anzahl Vorstellungen bedeutet. Im Cinema Empire werden wir die ursprüngliche Kapazität von 468 auf 323 Sitze senken. Dies erlaubt uns auch, dem Publikum mehr Komfort und Sicherheit zu bieten. 

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen aufgehoben werden?

Wir werden unsere treuen Kinogängerinnen und Kinogänger mit grosser Freude in unseren Kinos empfangen - und mit Freunden mit dem Schiff auf den Genfersee ausfahren, mit einem Restaurant-Service an Bord - denn wir haben langsam genug von den ewigen Snacks, die wir auf der Tischkante schnabulieren.

Gibt es einen Film, der dir im Moment besonders oft in den Sinn kommt?

Ich bin ein Fan der Zombie-Filme von Romero. Ich habe «Zombie» (aka «Dawn of the Dead» erstmals gesehen, als er 1978 in die Kinos kam - und es war ein echter Schock. Die allgemeine Panik, die der Film beschreibt und das grosse Durcheinander, das von TV-Sendungen gestiftet wird, in denen sich jeder und jede zum Geschehen äussert: Das kommt der aktuellen Situation ziemlich nahe, die unsere Konsumgesellschaft in den Grundfesten erschüttern wird. 

 

Links : 

Ciné 17 : https://www.exclusivecinemas.ch/cine-17

Cinerama Empire : http://www.cinerama-empire.ch

Ciné Rex : https://www.exclusivecinemas.ch/cinema-rex

 

 

 

 

5 Fragen an Niccolò Castelli, Regisseur

Niccolò Castelli, in Lugano geboren, hat an der DAMS-Fakultät der Universität Bologna und anschliessend an der ZHdK studiert. 2012 machte er mit «Tutti Giù» seinen ersten Langfilm, der am 65. Locarno Film Festival Premiere feierte. Nach seinem Dokumentarfilm «Looking for Sunshine» (2018) über die Schweizer Skifahrerin Lara Gut begann Niccolò Castelli seinen zweiten Langspielfilm, «Atlas», produziert von der Imagofilm. Unsere 5 Fragen beantwortet er aus seinem Homeoffice.

 

Wie wirkt sich die COVID-19-Krise auf deine Arbeit aus?

Sie beeinflusst meine Arbeit auf vielerlei Art; sie führt mich dazu, mich zu fragen, welches die Geschichten sind, die ich erzählen will. Vor allem für den Film «Atlas», den ich 2019 zu drehen begonnen habe: Wir wollten diesen Frühling noch die letzten Szenen im Ausland filmen, doch jetzt sind wir blockiert. Wir versuchen nun, mit kreativen Lösungen weiterzukommen. Doch das alles wirkt sich auch auf meine Pläne für das nächste Jahr aus. Marc Engels, der grossartige Filmtoningenieur ist infolge der Covid-19-Pandemie verstorben. Ich denke sehr viel an ihn, während ich im Schnittraum seinen Tonaufnahmen lausche. 

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen?

Vom Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz ARF/FDS aus versuchen wir bezüglich Unterstützung und Informationsaustausch allen Kolleginnen und Kollegen Antworten zu geben. Es ist eine tolle Teamarbeit. Es hilft mir zu verstehen, was wir gerade durchleben. Auf persönlicher Ebene: Spaziergänge im Wald, Musik, Film und Momente der Ruhe mit meinen Nächsten.

Was ist jetzt entscheidend?

Wir sollten nun nicht nur an das eigene Überleben, sondern an das Überleben aller denken. Die entstandene Solidarität, der neu belebte Austausch zwischen Regisseuren, Produzentinnen, Institutionen, Technikerinnen, Schauspielern, Verleihfirmen, Festivals und Publikum ist wichtig. Vielleicht waren wir in der Vergangenheit zu stark auf uns konzentriert und betrachteten die anderen mit einem etwas eigennützigen Blick. Wie die Umwelt leidet auch die Filmwelt. Wir müssen Sorge tragen, dass sie für uns alle Bestand hat - wenn nötig auch mit persönlichem Verzicht.

Gibt es für den Schweizer Film womöglich auch Chancen?

Es bieten sich Gelegenheiten auf der Erzählebene und im Verleih. Doch als Erstes müssen wir dafür sorgen, dass die kleinen Kinos wieder öffnen können. Das heisst jedoch nicht, dass wir nicht die Gelegenheit nutzen sollten, uns dem Publikum auf neue Art und Weise anzunähern: dem Publikum  zu zeigen versuchen, wie wichtig Geschichten sind, die ihnen nahe sind - insbesondere in Zeiten wie diesen. Wie beim italienischen Neorealismus könnten wir erzählen, was wir gerade erleben: über Geschichten, welche unsere menschliche und soziale Gegenwart beschreiben und damit einen wichtigen Beitrag zur Deutung der nahen Zukunft leisten.

Was machst du als Erstes, wenn die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie aufgehoben werden?

Ein Grillfest mit Freunden. Wenn wir nicht mehr über Covid-19 sprechen müssen, sollten wir uns wieder auf grundlegende Werte wie Freiheit und den gegenseitigen Austausch besinnen. Im Tessin waren die Anti-Corona-Massnahmen viel stärker als in den meisten anderen Kantonen, auch die Nähe zur Lombardei hat wohl zu einem anderen Bewusstsein der Folgen der Corona-Pandemie geführt.

An welchen (Schweizer) Film erinnert dich die aktuelle Situation und weshalb?

Covid-19 hat vor allem die älteren Menschen getroffen, insbesondere jene in den Altersheimen. Ich möchte ihnen allen die Ehre erweisen, sie filmisch umarmen und feiern mit «Il bacio di Tosca» von Daniel Schmid. Ich möchte sie und mich daran erinnern, dass die Kunst und die Liebe zuletzt sterben.

 

Trailer «Tutti Giù» (2012): https://vimeo.com/ondemand/tuttigiu/47751744

Website «Looking for Sunshine» (2018):  http://lookingforsunshine.ch

Website von Niccolò Castelli:  http://www.niccolocastelli.ch

Vademecum zur Corona-Krise für Filmschaffende von ARF-FDS: https://www.arf-fds.ch/corona-hilfe-vademecum-fuer-filmschaffende/  

 

 

 

5 Fragen an Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, Regisseurinnen

Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, ursprünglich Schauspielerinnen, sind seit 1999 als Regie- und Drehbuch-Duo tätig. Die Kindheitsfreundinnen machten seither zahlreiche preisgekrönte Filme und eine Serie. Nach «Petite Chambre» (2009) mit Michel Bouquet feierte ihr zweiter und von Ruth Waldburger produzierte Spielfilm «Schwesterlein» mit Nina Hoss und Lars Eidinger im Februar 2020 im internationalen Wettbewerb der 70. Berlinale Weltpremiere. Der für April geplante Kinostart musste infolge der Corona-Krise jedoch abgesagt werden. Lesen sie heute unser Kurzinterview mit Stéphanie und Véronique, das die beiden im Duo beantwortet haben. 

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf eure Arbeit aus? 

Stéphanie Chuat und Véronique Reymond: Nach der Uraufführung an der Berlinale sollte «Schwesterlein» Ende April in die Schweizer Kinos kommen und in Deutschland sowie entsprechend der Filmverkäufe international starten. Nun ist alles auf den Herbst verschoben, oder auf noch später. Hoffen wir, dass die Kinobetreiber solidarisch sein werden und dem Independent-Kino die gleichen Chancen einräumen werden wie den Blockbusters, mit denen sie ihre Kassen wieder flott zu machen hoffen.

Wie meistert ihr die Herausforderungen, die euch diese Krise auferlegt?

Stéphanie Chuat und Véronique Reymond: Die Immobilität erlaubt uns, an dem Drehbuch unserer Serie TOXIC und an anderen Filmprojekten weiter zu arbeiten. Wie alle Künstlerinnen und Künstler werden sind von dieser Pandemie und auch der Befürchtung, dass sie für unseren Beruf grosse Folgen haben wird, sehr betroffen. Doch es ist auch ein wertvoller Moment, in dem wir darüber nachdenken können, welchen Sinn Sinn wir unserer Arbeit geben wollen wie wir die Hoffnung wahren und diese auch verschenken können, entgegen der wenig erfreulichen Atmosphäre, welche auf der Welt lastet. 

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Stéphanie Chuat und Véronique Reymond: Es ist schwierig, auf diese Frage zu antworten, da die Krise erst vor wenigen Wochen begonnen hat. Unser Beruf besteht aber auch darin, mit dem Ungewissen kurz-, mittel- und langfristig umzugehen. Die Krise fügt einen neuen Parameter hinzu, dessen konkreten künftigen Auswirkungen wir noch nicht kennen. 

Gibt es einen Film, an den euch die aktuelle Situation besonders denken lässt?  

Stéphanie Chuat: Ich habe «Le Scaphandre et le Papillon» von Julian Schnabel wieder geschaut, und die Metapher dieses in seinem Körper eingeschlossenen Manns ist - die Verhältnissmässigkeit dabei wahrend -  wie ein Widerhall. Doch auch und vor allem die Schönheit dieses Films hat mich und meine Hoffnung gestärk, dass die Kunst immer einen Platz in der Gesellschaft haben wird. 

Véronique Reymond: Es lässt mich an «Honeyland» denken, einen Dokumentarfilm über eine Frau, die völlig isoliert in den Bergen in Mazedonien lebt und dort als Bienenzüchterin in miserablen Zuständen lebt - ohne dass sie dabei je ihre Lebensfreude aufgibt. Eine beeindruckende Frau und ein wunderschöner Film. 

Was machst ihr als Erstes, wenn die Anti-Corona-Massnahmen aufgehoben werden?

Stéphanie Chuat: Einen Capuccino trinken gehen in ein Café, mit MENSCHEN um mich herum. Um das Leben in voller Blüte zu sehen, in dieser sehr  einfachen und anonymen Art und Weise. Um meine Freundinnen und Freunden - leibhaftig! - wieder sehen. Und “Schwesterlein” in die Festivals begleiten, die Welt (wieder) sehen. 

Véronique Chuat: Mit Menschen zusammen sein, die mir kostbar sein und mit ihnen gemeinsam unterwegs sein. 

 

«Schwesterlein», Berlinale 2020 World Premiere : https://vimeo.com/394053341

«Schwesterlein», Berlinale Talk 2020: https://youtu.be/TwCdE5OxbJ4

Trailer «Les Dames» (Climage): https://www.filmcoopi.ch/movie/les-dames

Trailer «La Petite Chambre»: https://www.arttv.ch/film/ch-kino-la-petite-chambre/

Website von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond: https://chuat-reymond.com

 

Porträtbild: Sophie Brasey

 

 

 

 

 

5 Fragen an Stéphane Mitchell, Drehbuchautorin

Stéphane Mitchell arbeitet seit 20 Jahren als Drehbuchautorin in der Westschweiz, davor war sie 10 Jahre in der Filmproduktion in den USA tätig. Sie zeichnet u.a. das Drehbuch des Spielfilms «On dirait le Sud» von Vincent Pluss (Schweizer Filmpreis 2003) und ist Headwriter der RTS-Serie «Quartier des banques». Stéphane Mitchell ist auch Mitgründerin und Co-Präsidentin von SWAN Swiss Women’s Audiovisual Network, Vorstandsmitglied der Schweizer Filmakademie und Verwaltungsratsmitglied der SSA Société Suisse des Auteurs.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Unter Drehbuchautorinnen und -autoren scherzen wir, dass die Corona-Krise unsere Arbeit nicht wirklich beeinträchtigt, ausser dass wir uns neuerdings anziehen müssen, weil wir tagsüber nicht mehr alleine zu Hause sind. Etwas ernsthafter geantwortet: meine Tochter rund um die Uhr hier zu haben, das kann das Schreiben manchmal etwas behindern. Und vice versa. Mein aktuelles Projekt ist ausfinanziert, deshalb kann ich etwas durchatmen. Aber was kommt danach? 

Wie meistern oder überwindest du die Herausforderungen?

Ich bin privilegiert: Meine Liebsten sind gesund, unsere Wohnung ist gross genug und ich habe eine Arbeit, die ich von zu Hause aus machen kann. Dennoch ist dieses Gefühl eines nicht enden wollenden Tages bedrückend. Und wie viele andere bin ich auch immer wieder beunruhigt, insbesondere für die Menschen, die zu den Risikogruppen gehören - und bin auch wütend angesichts der Priorisierung des Profits.

Eröffnen sich durch diese Krise womöglich auch neue Chancen?

Alles steht still, ausser dem Zugang zu Lebensmitteln, zur Gesundheitsversorgung und zu …Netflix. Die Krise verdeutlicht, wie lebensnotwendig die Kultur ist und zeigt zugleich, wie prekär dieser Sektor aufgestellt ist. Die Arbeit in der Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung sind unterbewertet, auch unsere Arbeit. Wird unsere Gesellschaft Lebensnotwendiges endlich wertschätzen? 

Gibt es einen Film, der dir im Moment besonders viel bedeutet? 

Da die Krise andauert... schaue ich grosse Serien, wie etwa «The Good Place», die auf unsere doch besondere Welt einen frechen und freien Blick wirft, der ebenso philosophisch wie voller Menschlichkeit ist. 

Was wirst du als Erstes machen, wenn die Massnahmen aufgehoben werden?

Ein Fest mit meinen Liebsten. Aber es wird wohl ein Maskenball…

 

Die Serie «Quartier des Banques» (Point Prod) auf der Webseite von RTS: https://www.rts.ch/play/tv/emission/quartier-des-banques?id=8950261

« On dirait le sud » von Vincent Pluss, Gewinner des Schweizer Filmpreises (Bester Spielfilm) 2003: https://vimeo.com/ondemand/ondiraitlesud

Webseite von Stéphane Mitchell: www.paillettes.ch

SWAN: www.swanassociation.ch

 

 

 

5 Fragen an Stéphane Goël, Regisseur und Produzent

 

Stéphane Goël, Mitglied des Lausanner Filmkollektivs «Climage», ist Filmemacher und Produzent. Sein jüngster Film «Citoyen Nobel» feierte an den 55. Solothurner Filmtagen im Januar Weltpremiere, in Anwesenheit seines Protagonisten, dem Schweizer Biochemiker und Nobelpreisträger Jacques Dubochet. Stéphane Goël ist u.a. auch Autor der Filme «Insulaire» (2018) und «Fragments du paradis» (2015). 

 

Wie geht’s?

Es geht mir gut und schlecht. Es ist beides: Stillstand und Innehalten, ein ewiger Sonntag, ohne Aussichten… 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Die Corona-Krise hat die Kinoauswertung meines Film «Citoyen Nobel» in der Westschweiz abrupt beendet. Sie droht auch den Kino-Start in der deutschsprachigen Schweiz zu behindern. Die Corona-Krise hat zudem auch zum Unterbruch der Dreharbeiten von drei Dokumentarfilmen, die ich aktuell produziere, geführt.

Wie meisterst oder überwindest du die Herausforderungen?

Ich überwinde noch meistere ich sie. Ich lebe damit. So wie ich auch mit Herausforderungen umgehen muss,  seit ich diesen Beruf ergriffen habe. Ich stelle mich darauf ein. Ich nutze die Zeit so gut es geht. Etwa um 35 Jahre Climage-Produktionsgeschichte aufzuarbeiten und zu archivieren. Und um zu schreiben. Und um zu träumen. Ich träume vom... Entkommen.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Es scheint mir, als würde die Filmbranche näher zusammenrücken und freundschaftlicher miteinander umgehen. Die Corona-Krise - wie alle Krisen - stärkt den Zusammenhalt und fördert die Solidarität. Sie zwingt uns, unsere bisherige Machart in der Filmproduktion und Filmauswertung zu überdenken. Wir testen ein paar neue Sachen (VOD, Online-Festivals, Filmemachen ohne Mittel). Ich bin sicher, dass wir zu einer neuen Lust am Filmemachen, zu einer neuen Dringlichkeit, neuen Notwendigkeit des Filmemachens und auch einer neuen Einfachheit finden werden. 

Gibt es einen Film, der dir im Moment besonders viel bedeutet?

Ich schaue Filme, die uns andere Lebensweisen und Realitäten entdecken lassen. Ich habe auch Filme von Richard Linklater und jene von Peter Mettler - vielen Dank, Visions du Réel! - wieder geschaut. Aber ich bin kein grosser Heimkino-Fan. Ich liebe es, Filme im Kinosaal zu erleben. Und es fehlt mir langsam sehr… 

Was machst du als Erstes, wenn die Anti-Corona-Massnahmen aufgehoben werden?

Ich hoffe, meinen Film «Citoyen Nobel» wieder in die Schweizer Kinos zu begleiten. Ich werde die unterbrochenen Dreharbeiten wieder aufnehmen, und alle in die Arme schliessen, die ich gern habe (und vielleicht ein paar andere mehr). 

 

Trailer zum Dokumentarfilm «Citoyen Nobel» (2020) von Stéphane Goël

 

 

 

5 Fragen an Emilie Bujès und Martine Chalverat Direktorinnen, Visions du Réel

 

Noch bis zum 2. Mai 2020 findet das Schweizer Dokumentarfilmfestival «Visions du Réel» online statt. Zum Auftakt unserer Gesprächsreihe zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf das Schweizer Filmschaffen geben wir Emilie Bujès, der künstlerischen Direktorin und der administrativen Direktorin, Martine Chalverat, das Wort, die ihr Festival infolge der Corona-Krise völlig neu denken mussten.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Eure Arbeit aus?

Emilie Bujès und Martine Chalverat: Als der Bundesrat am 19. März alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen verboten hat, haben wir entschieden, mit unserem Festival online zu gehen. In einem ersten Schritt mussten wir die technische Frage lösen, was wir zuerst mit FestivalScope und anschliessend in Zusammenarbeit mit der neuseeländischen Plattform Shift72 (die uns eine massgeschneiderte Lösung anbot) sowie mit Radio-Télévision Suisse RTS umsetzen, welche die Filme der Compétition Nationale aufnahmen.

Dann ging es darum, alle Filmregisseur*innen zu überzeugen, uns zu vertrauen (was sich letztlich als sehr einfach herausgestellt hat), und anschliessend die privaten und öffentlichen Partner, die uns in unseren Approach unterstützten. In der Folge haben sich noch weitere Partner-Plattformen angeschlossen - namentlich SRF, RSI, DocAlliance oder Tënk. Alle Filme sind aber ebenso auf unserer Website www.visionsdureel.ch zugänglich!

Wir mussten, kurz gesagt, das gesamte Festival innert drei Wochen neu denken.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Ja, davon sind wir überzeugt, doch werden wir ein bisschen Zeit nach dem Festival brauchen, um eine umfassende Bilanz ziehen zu können - sowohl was unsere Arbeit und Herangehensweise vor wie während des Festivals betrifft. 

Was ist jetzt für die Schweizer Filmkultur entscheidend?

Solidarität in jeder Hinsicht, Ideen, Kreativität und sicherlich auch sehr schnell: Unterstützung.

Was macht Ihr als Erstes, wenn die Anti-Corona-Massnahmen aufgehoben werden?

Das Team treffen - und ein grosses Fest! 

An welchen Film erinnert Euch die aktuelle Situation manchmal? 

An «Groundhog Day» («Und täglich grüsst das Murmeltier») von Harold Ramis.

 

 

 

Interview-Reihe der Solothurner Filmtage

Ab dem 28. April finden Sie hier jeden Dienstag und Donnerstag ein neues Kurz-Interview mit Schweizer Filmschaffenden: unter anderem mit dem Regisseur Niccolò Castelli, dem Regie-Duo Stéphanie Chuat und Véronique Raymond, dem Regisseur und Produzenten Stéphane Goël, der Drehbuchautorin Stéphane Mitchell, der Regisseurin Andrea Staka, dem Kinobetreiber Didier Zuchuat.