Interviews

5 Fragen an Frank Braun, Programmleiter Neugass Kino AG

Datum

28. April 2020

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Frank Braun ist seit 1998 Geschäftsleitungsmitglied und Programmleiter der Neugass Kino AG. Zur Neugass Kino AG gehören die Arthouse-Kinos Riffraff und Houdini in Zürich und Bourbaki in Luzern. Nach 10 Wochen gingen am Wochenende die Kinos wieder auf: Frank Braun spricht im Interview über die Wiedereröffnung und die Herausforderungen für die Kinos während und nach dem Lockdown. 

Zurück ins Kino! Mit dem Interview mit Frank Braun beschliessen wir unsere Interview-Serie «5 Fragen an» zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Schweizer Filmkultur. Von April bis zur Wiederöffnung der Kinos anfangs Juni haben 16 Filmschaffende unterschiedlicher Metiers teilgenommen. 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf deine Arbeit aus?

Spätestens als anfangs März der Kinostart des neuen James-Bond-Filmes vom April in den November verschoben wird, geht in der Kino- und Verleihbranche die Sturmwarnung los. Trotz zunehmender Krisenlage bleiben die Zuschauerzahlen vergleichsweise hoch. Es scheint, als lache man dem heraufziehenden Unwetter ins Gesicht. Ich erinnere mich, wie Mitte März in einer gut besuchten Vorstellung vor Filmbeginn ein unterdrücktes Gehüstel sogleich imitiert und in kollektive Belustigung übergeht. Da ist sie zu greifen, die vielbeschworene Komplizenschaft des Publikums. 

Die Vollbremse vom 16. März kommt abrupt. Kein Airbag; für Schockstarre bleibt keine Zeit. Auf einen Schlag stehen unsere 13 Kinosäle und 3 Gastrolokale still. Unverzügliches Handeln ist angesagt, um den Schaden zu begrenzen. Ab sofort gilt Kurzarbeit. Doch der Lockdown zieht einen endlosen Rattenschwanz nach sich: Öffentlichkeit, Partner und Publikum informiert halten, verkaufte Tickets zurückerstatten, Vermietungen und Spezialanlässe absagen, Überbrückungskredit beantragen, um Ausfallentschädigung feilschen, Mieterlass abklären, Lagerbestände auflösen, geplante Renovationsarbeiten stoppen... Gleichzeitig intensivieren wir unser «On demand»-Angebot und prüfen Aktionen, wie ein mobiles Hinterhofkino oder Direktverkaufsstellen für Gemüse- und Früchteproduzent*innen in den Kinofoyers. 

Die Filmakquise, meine Kernaufgabe, wird zur Geisterfahrt. Anstatt in der Programmplanung fortlaufend Filmstarts zu fixieren, läuft alles in die umgekehrte Richtung. Termin um Termin löst sich in Luft auf. Die Verleiher ziehen reihenweise ihre Filme zurück; im Festivalkalender streicht ein Filmfestival nach dem anderen die Segel. Und plötzlich wird einem klar: Nein, das ist kein Sturm. Es herrscht komplette Windstille. Tote Hose! 

Wie begegnest du den aktuellen Herausforderungen? 

Aktuell hält uns die Betriebswiederaufnahme auf Trab. Wie andere auch, haben wir uns in der Branche für eine gut koordinierte Wiedereröffnung mit genügend zeitlichem Vorlauf eingesetzt. Doch kaum erlaubt der Bundesrat, dass die Kinos bereits am 6. Juni wieder öffnen dürfen, hört man in der Branche nur noch die Devise «go, go, go!» – und der ursprüngliche Konsens wird vom Tisch gefegt. 

Uns bleibt keine Wahl. Aus zwingenden Gründen können wir nicht zurückstehen und knien uns ebenfalls in die Vorbereitungen einer überstürzten Wiedereröffnung. In kürzester Zeit müssen – auch bis jetzt noch – unzählige Detailfragen und knifflige Situationen geklärt werden. Welche Filmneuheiten stehen für einen Kinostart bereit? Welche Reprisen kommen nochmals ins Programm? Wie gewinnen wir das Publikum zurück? Und vor allem, wie lassen sich die notwendigen Schutzkonzepte wirksam umsetzen? Über Jahre erprobte Abläufe sind plötzlich nicht mehr praktikabel. Alleine um die Einhaltung des erforderlichen Personenabstands sicherzustellen, sind Massnahmen nötig, die den Personalaufwand in die Höhe und die Staffelung der Vorstellungen in die Länge ziehen. 

Was ist jetzt entscheidend?

Klar freuen wir uns darüber, dass es wieder möglich ist, Kino zu machen. Gleichzeitig ist die Wiedereröffnung unter diesen Umständen betriebswirtschaftlich höchst bedenklich. Die Saalkapazitäten sind stark eingeschränkt, der Filmnachschub mit zugkräftigen Titeln ist nicht gesichert und die kommenden Sommermonate sind bekanntlich Kassengift. Man muss kein Pessimist sein, um es vorauszusehen: Für alle Kinos öffnet sich die Schere zwischen Aufwand und Umsatz in einem Mass wie nie zuvor. 

Auch wenn das Publikum anstatt in die Badi oder Berge in die Kinos drängen sollte; die Kinos werden auch so durchs Band rote Zahlen schreiben (aber bitte kommt trotzdem alle!). Können die Kinos das durchhalten? Es wird u.a. davon abhängig sein, wie lange die Krisenlage andauert und wie rasch die Pandemie-bedingten Einschränkungen gelockert bzw. ganz aufgehoben werden.

Eröffnen sich in dieser Krise womöglich auch neue Chancen?

Der offizielle Slogan der Branche «Back to Cinema» suggeriert, dass alles «back to normal», wieder wie früher wird. Welche Illusion! Die Kino- und Verleihbranche kann nicht mehr weiterkutschieren wie bisher. Sie muss sich zusammenraufen. Die Positionen der Kinos und Verleiher sind verhärtet. Anstatt einen Partner sieht man im Gegenüber einen Profiteur oder gar einen Feind. Dabei sind wir, ob man will oder nicht, eine Schicksalsgemeinschaft (was man übrigens getrost auf die gesamte Filmbranche ausweiten darf).

Die Kino- und Verleihbranche beharrt bei der Filmauswertung auf ihrer traditionellen Pole-Position und ignoriert, dass sie drauf und dran ist, von der allgemeinen Entwicklung abgehängt zu werden. Wenn sie eine Zukunft haben und über die Runden kommen will, muss sie sich verändern. Das kurzsichtige Handeln und die Wahrung der unmittelbaren Eigeninteressen müssen von einer gemeinsamen Strategie abgelöst werden, die von allen Involvierten getragen wird. Das lag schon vor Corona auf der Hand. Jetzt wird es definitiv zur Überlebensfrage.

Was bedeutet es für euch, die Kinos nach zwei Monaten Lockdown wieder zu öffnen?

Es kommt wieder Leben in die Bude 😉! Und wir können neben dem Substitut online endlich wieder den cinephilen Rausch in Reinform bieten. Selber stelle ich mich auf schwierige Zeiten ein. Was die 10 Wochen im «Koma» alles beschädigt haben und noch auslösen werden, ist offen. Sie werden folgenreich sein, das steht fest.

An welchen (Schweizer) Film erinnert dich die aktuelle Situation?

Der Lockdown an die drastische Bedrohungsmetapher in «Heimatland». Der jetzige erste Lockerungsschritt an den soeben anlaufenden «Love Me Tender» der Tessiner Regisseurin Klaudia Reynicke. Nur zu gern will ich hoffen, dass es uns wie der Hauptfigur ergehen wird. Sie überwindet ihre Riesenangst und wagt sich raus. Notgedrungen geht sie ins Risiko, fasst Tritt und ermächtigt sich selbst. 

Schweizer Filme, jetzt (wieder) im Kino:

Links:

  • Neugass Kino AG
  • Trailer «Heimatland» (2015) von Michael Krummenacher, Jan Gassmann, Lisa Blatter, Gregor Frei, Benny Jaberg, Carmen Jaquier, Jonas Meier, Tobias Nölle, Lionel Rupp, Mike Scheiwiller 
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