Portrait | Autorentexte

Prix d’honneur: Kinemathek Lichtspiel

Autor*in

Dieter Fahrer

Datum

5. Januar 2022

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Gewinner Prix d'honneur

Der Prix d’honneur der 57. Solothurner Filmtage geht an die Berner Kinemathek Lichtspiel, eine Institution, wie es sie wohl nirgendwo sonst gibt. Sie ist ein professionelles Filmarchiv, ein lebendiges Museum, ein Kompetenzzentrum für Filmwissenschaft, Film- und Kinotechnik und ein Kino mit vielschichtigem Programm, vor Ort und online. Und das ist längst nicht alles.

Im Jahr 2000 gründet David Landolf (Direktor) gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Film- und Kinobegeisterten die Kinemathek Lichtspiel, um die von der Auflösung bedrohte Sammlung des Berner Kinotechnikers Walter Ritschard zu retten. Als Elektroingenieur ETH, Fachvertreter im Filmnetzwerk von Memoriav, Filmschadenexperte und Dozent hat Landolf ein breites Wissen, und wie alle, die im Lichtspiel arbeiten, ist er das, was man landläufig als «Filmfreak» bezeichnet: Leidenschaft pur.

Seit Anbeginn mitprägend am Aufbau der Kinemathek beteiligt ist auch Judith Hofstetter. Sie ist stellvertretende Leiterin und heute insbesondere für die Mitarbeitenden und die Programmation zuständig. Schon während ihrem Studium der Sprach- und Literaturwissenschaft organisierte sie Lehrveranstaltungen zum spanischen und lateinamerikanischen Film – auch sie eine «film aficionada» und die «gute Seele» im Gesamtkunstwerk Lichtspiel.

2012 zieht die Sammlung in die heutigen Räumlichkeiten in der alten Ryff-Fabrik ein. Das Team wird grösser, zusätzliche Mitarbeitende bringen reiche Erfahrungen und neue Ideen aus der Filmrestaurierung, der Filmproduktion, der Film- und Kinotechnik ein.

Geräte bis unters Dach

Wer die Kinemathek Lichtspiel besucht, steigt aussen an der Fassade eine alte Eisentreppe hoch bis in den obersten Stock, öffnet die Tür und ist gleich mittendrin in einem «Panoptikum», in dem, wie der griechische Ursprung des Wortes besagt, alles mit Sehen und Sichtbar-machen zu tun hat (pān = alles, optikó = zum Sehen gehörend). Filmtechnische Geräte aus allen Epochen der siebten Kunst türmen sich in Hochregalen bis hinauf in den Giebel des geräumigen Dachstocks. Jeder Kubikmeter wird als Archiv- und Schauraum genutzt. An einen langen Flur angedockt sind die Laboratorien, Werkstätten, eine Bibliothek und die Büros, und alles, aber auch wirklich alles wird liebevoll bespielt. Selbst der verzinkte Stromkanal an der Decke im Flur wird genutzt und ist bestückt mit einer endlosen Reihe von Amateurfilmkameras.

Der spielerische Umgang mit dem hier gelagerten kinematografischen Erbe erschafft eine magische Welt, die alle Besucher*innen unmittelbar packt. Doch die Betreiber*innen sind nicht nur Spielende, die sich dem gemeinsamen Kinospiel hingeben, sie sind auch professionelle Archivarinnen, Techniker, Vermittlerinnen, Netzwerker – und sie bilden eine Gemeinschaft mit bewusst flacher Hierarchie, weil dies das gemeinsame Erleben und Gestalten beflügelt. Dies zeigt sich auch in den zahlreichen Veranstaltungen an deren Ausgestaltung sich das ganze Team beteiligt: Filmvorführungen vor Ort und im Internet, Seminare, interdisziplinäre Veranstaltungen, Ausstellungen, bei denen die Schätze des filmischen Archivs gezeigt und immer neu kontextualisiert werden.

Teamspiel

Schon lange im Team dabei und mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen aktiv sind neben den zwei stellvertretend Geehrten auch Brigitte Paulowitz, Christine Gissler, Dora Gugger, Eliane Maurer, Carlo El Basbasi Bischoff, Claudio Bruno, Mani Morgenthaler, Peter Fasnacht, Raff Fluri, Stefan Humbel und Steff Bossert. An die dreissig Personen gehören zum Team, die meisten arbeiten Teilzeit, viele im zweiten Arbeitsmarkt. Gerade mal zehn Personen haben eine Anstellung. Doch was nach Ausbeutung klingt, ist das pure Gegenteil, denn das Lichtspiel bietet Arbeitsplätze für Zivildienstleistende, Praktikant*innen, Arbeitslose mit Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt, jedoch fürs Lichtspiel von unschätzbarem Wert sind. Nur dank ihnen bleiben viele der alten elektromechanisch-optischen Geräte funktionsfähig. Auch Senior*innen finden im Lichtspiel ein bereicherndes Betätigungsfeld, gelegentlich wird auch gemeinnützige Arbeit geleistet, von Menschen, die so auf sinnvolle Weise ihre Parkbussen tilgen, oder die sich im alternativen Strafvollzug befinden.

Die Kinemathek Lichtspiel ist eine «soziale Plastik» und sie ist das Herzstück des Filmhauses Bern am Aareufer. Der Mittagstisch steht auch den anderen Cinéphilen im Haus offen: Filmproduzenten, Autorinnen, Regisseure, Filmvermittlerinnen, Videokünstlerinnen und Filmtechniker tauschen sich hier regelmässig aus.

In der Ryff-Fabrik wurden im 20. Jahrhundert Feinstrickwaren hergestellt. Auch heute wird hier fein gestrickt, dabei entstehen nicht Textilien, sondern ein faszinierendes Gewebe aus unendlich vielen Geschichten, die sich in den archivierten Filmen, Geräten, Materialien und Reliquien manifestieren.

Mit dem Prix d’honneur der 57. Solothurner Filmtage werden keine Säulenheiligen geehrt, das würden sie nicht mögen, weil sie sich als Teil einer Gemeinschaft verstehen. Der Preis ist darum ein schlichter Dank an die in der Kinemathek Lichtspiel Tätigen, verbunden mit dem Wunsch, dass die Mitspieler*innen des Lichtspiels auch in Zukunft ein vielschichtiges Gewebe gestalten mögen, denn diese Vielschichtigkeit und die gelebte Menschlichkeit bilden die Grundlage für alles, was mit der siebten Kunst zu tun hat.

 

Hommage

Lisez ici l'hommage allemand de la remise du prix le 20 janvier 2022.

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