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Auf Kino-Reise: Kinok St. Gallen

Autor*in

Raphael Amstutz

Datum

15. Juli 2021

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Kinok St. Gallen

Das St. Galler Kinok ist das wichtigste und grösste Kino der Ostschweiz: eine Mischung zwischen Arthouse- und Programmkino und ein Ort, der über die Region hinausstrahlt. Begonnen hat seine Erfolgsgeschichte vor bald 40 Jahren. Eine Erfolgsgeschichte, die in Folge der Pandemie-Situation ins Stocken geriet.

«In den Kinos der Stadt lief in den 80er-Jahren nur, was Geld in die Kasse spülte», erklärt Kinok-Leiterin Sandra Meier. «Linkes, kritisches, einheimisches Schaffen von Schweizer Regisseuren wie beispielsweise Fredi M. Murer oder Richard Dindo wurde nicht programmiert.»

Das änderte sich, als 1985 die Stadt Filmbegeisterten Mittel für einen Versuchsbetrieb sprach. «Endlich gab es Alternativen zum kommerziellen Einheitsbrei», so Meier.

Die Kinokis, wie sich die früheren Betreiberinnen und Betreiber nannten, wollten den Film als Kunstform in all seinen Formen und Formaten präsentieren und das Publikum an ihren Entdeckungen teilhaben lassen, die sie an Festivals machten.

Umfangreiche Retrospektiven unter anderem von Pier Paolo Pasolini, Andrei Tarkowski oder Rainer Werner Fassbinder und Filme der Pionierinnen Alice Guy-Blaché, Lois Weber und Germaine Dulac machten die Besucherinnen und Besucher mit Werken unterschiedlichster Couleur vertraut. «Im Kinok wurden Filme aus Indien, Südamerika oder China gezeigt, bevor sich Schweizer Filmverleiher für diese Länder zu interessieren begannen», so die Kinok-Leiterin. «Vor dem Aufkommen der DVD boten einzig Kinos die Möglichkeit, solche Filme zu sehen.»

Zu Beginn hatte das Kinok keinen Kinosaal, sondern musste sich immer wieder neu einrichten: in der Kehrichtverbrennungsanlage oder im Volksbad, im Stadtpark oder im Sittertobel. Schliesslich fand sich an der Grossackerstrasse, im ehemaligen Kino Apollo, ein geeigneter Raum. Die Randlage erwies sich bald als schwierig. «Das Kino träumte von einem Standort in der Innenstad», so Meier.

Dann kam die Lokremise. Dort zogen die politischen und die kulturellen Akteurinnen und Akteure an einem Strick. Statt eines Betreibermixes mit Fitnessstudio, Privatschule und Kino, wie von den SBB angedacht, konnte es als Ganzes der Kultur zugeführt werden. In einer kantonalen Abstimmung wurde 2008 dem Umbau des alten Lokdepots, das zwischen 1999 und 2004 mit Hauser & Wirth eine der bekanntesten Galerien der Schweiz beherbergte, in ein Kulturzentrum zugestimmt. Dieses wurde 2010 eröffnet. Bis heute ist es gleichzeitig Glücksfall und Erfolgsgeschichte. Nicht nur für das Kinok, sondern für die ganze Bevölkerung in der Region.

Krisenerprobte Branche
Und dann kam ein für Monate erzwungene Stillstand. «Wir befanden uns auf einem Blindflug», nennt es Meier. «Wir können nicht anders, als rollend zu planen.» Das heisst: Programme wurden gemacht, nur um sie dann doch ins Altpapier legen zu müssen. Um auch während der Krise ein Minimum an Sichtbarkeit zu erhalten, bot das Kinok ein kuratiertes Streamingangebot an. Die Zahlen waren aber überblickbar, sagt Andreas Stock, der stellvertretende Leiter des Kinok. «Streaming ersetzt das Live-Erlebnis nicht.»

Die Situation war für alle Kulturveranstalter äusserst schwierig. Doch Stock meint: «Die Branche ist krisenerprobt. So oft ist dem Kino bereits der Tod prophezeit worden. Doch bis jetzt hat es überlebt.»

Das Kinok wird von der Stadt und vom Kanton unterstützt, doch wie es weitergeht, weiss niemand. Besonders froh ist das Kino deshalb um seine Mitglieder. Über 2000 sind es. Auch andere Kinos gehen in diese Richtung. So haben das Riffraff und das Houdini in Zürich vor Kurzem den Verein Linie 32 ins Leben gerufen, um die Kinokultur in der Stadt zu fördern. Mitglieder sind Menschen, die sich einem bestimmten Kino verpflichtet fühlen, die Filme in der Gemeinschaft erleben wollen, mit Gesprächen und einem Glas Wein nach dem Abspann und die mit ihrer Verbindlichkeit eine grosse Stütze sind für die jeweiligen Institutionen.

«Das Anliegen, eine anspruchsvolle und lebendige Filmkultur zu vermitteln, die sowohl Premieren als auch Werke der Filmgeschichte umfasst, ist uns geblieben», sagt Sandra Meier mit Blick auf die fast 40-jährige Geschichte des Kinos. Damit gerade die kleinen und sperrigen Werke nicht unter dem Überangebot an Filmen leiden, das es infolge des Lockdowns gegeben hat, sorgen unter anderem Orte wie das Kinok. Orte, die zu Anwälten für diese Filme werden.

 

Buchtipp: Das St. Galler Kino ist im Buch «Rex, Roxy, Royal» zu finden, herausgegeben, konzipiert und gestaltet von Sandra Walti und Tina Schmid. Das 2016 erschienene Buch porträtiert 111 grosse und kleine Kinos aus allen Sprachregionen der Schweiz. Es ist allerdings vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.

 

Dieser Text von Raphael Amstutz wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert. Die Solothurner Filmtage übernehmen in ihrem Online-Magazin ausgewählte Beiträge, die im Rahmen des neuen Schwerpunkts von Keystone-SDA zum Thema Film und Kinokultur entstehen. Die Initiative entstand im Nachgang zum diesjährigen Programmfokus «Lob der Kritik» und hat zum Ziel, der Filmkritik und dem Feuilleton zum Schweizer Film in den Schweizer Print-Medien neue Sichtbarkeit zu geben. Ein Team von freien Autoren verfasst regelmässig vertiefende Beiträge, welche die aktuelle Berichterstattung ergänzen.

 

 

Foto: @Kinok

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