Portrait | Autorentexte

Hommage an Francis Reusser

Autor*in

Jean Perret

Datum

20. Januar 2021

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FrancisReusser

Francis Reusser – Hommage

Ungeeignet für den bewaffneten Kampf, betonte Francis Reusser 1967, an ein Ho-Chi-Minh-Plakat anlehnend, seine volle Unterstützung für die Kämpfer Südvietnams, indem er bekräftigte, ambitionierte Filme zu drehen. Radikal lehnte er die lächerliche Unterscheidung zwischen Inhalt und Form ab, und fordert die Erfindung einer innovativen Schreibweise von eng gewobenen Geschichten. Mit allen Mitteln versuchte er die Erzählstränge aufzutrennen, die Bedeutung durcheinander zu bringen.

Er wurde 1942 in Vevey geboren, und verstarb am 10. April 2020 in Bex. Als Sohn eines Bistrobetreibers verwaiste er bereits im Alter von 14 Jahren und wurde in einem Heim platziert, wo er immer wieder mit der Delinquenz liebäugelte. Gerne erinnerte er daran, dass er über keine akademische Ausbildung verfügte und als autodidaktischer Proletarier sein ganzes Leben dem Kino gewidmet habe.

Allerdings besuchte er 1960 für eine Weile die berühmte Fotografieschule in Vevey, wo er das Privileg hatte, die Grande Dame der deutschen Fotografie kennenzulernen, die in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte: Gertrud Fehr. Auf Anfrage der École supérieure d'arts visuels de Genève übernahm er 1977 die Co-Leitung des ersten Film-Video-Workshops.

Wir verdanken Francis Reusser ein Dutzend Spiel-und Dokumtarfilme, die in rund fünfundvierzig Jahren Tätigkeit entstanden sind, die zwar auf den grossen Leinwänden gezeigt wurden, aber trotz rühmenswerter Auszeichnungen eher im Hintergrund blieben.

Zur Erinnerung: «Vive la mort» (1969), «Le grand soir» (1976), «Derborence» (1985), «La loi sauvage» (1986), «Jacques et Françoise» (1991), «La guerre dans le haut pays» (1998), «Ma Nouvelle Héloïse» (2012). «Seuls» (1981), aufgeführt in der Quinzaine de Cannes, zeigt einen Maler, der nicht mehr malt, der «nicht weiss, was die Welt zerstört» und der versucht, verblassene Präsenzen in S8 einzufangen. Es ist der Lieblingsfilm von Francis Reusser.

Aber um sein Werk in vollem Umfang zu würdigen, muss man der beeindruckenden Anzahl der Essays, diese wunderbaren Kurzfilme, die im Laufe all der Jahre seine Inspirationsquellen offenbaren, besondere Beachtung schenken. Francis Reussers Texte, getragen von seiner zurückhaltenden und eigensinnigen Stimme, beleben viele seiner Filme. Von der Vehemenz seiner luzid verzweifelten Intuition getrieben, erzählen viele seiner Geschichten von der Suche nach sich selbst, von Liebe, Freundschaft, Ängsten, Wut, enttäuschten Sehnsüchten und tödlichen Wunden. Leider fand er von den Geldgebern nicht die nötige Achtung.

Francis Reussers Unruhe nährte sich von dem schmerzlichen und lebenswichtigen Bedürfnis, den Ausdruck einer möglichen Versöhnung im Licht des Genfer Sees zu finden. Einsam, aber in Kontakt mit den Gesichtern von Frauen und Männern, die er gerne betrachtete, folgte er ihrem schlafwandlerischen und ergreifenden Umherstreifen auf der Suche nach Utopien. Seine letzten Essays «La séparation des traces» (2018), den er gemeinsam mit seinem Sohn Jean Reusser inszenierte und herausgab sowie «Le dernier plan» 2019), gehören zu den bemerkenswertesten Filmen. Sie sind fruchtbare und widerstandsfähige Erinnerung, selbst als der Tod sich bereits ankündigte.

Francis Reusser hatte mich nach meiner Meinung über eine erste Montage von «La séparation des traces» gefragt und mir am 11. Oktober 2017 geschrieben: «Es ist weder eine aufgeblasene Autobiographie noch eine fade Chronologie der Vergangenheit, sondern lediglich ein Augenblick der Wahrheit (von 1946 in Zermatt bis 2017 zwischen der Rhone und Italien). Ein bescheidener Versuch der Montage von gelebtem Leben, respektive gelebten Leben und einer kurzen Geschichte des Kinos (meiner eigenen) als auch den verschiedenen Mischformen, mit denen dieses halbe Jahrhundert reichlich gespickt war – neu interpretiert und in Essayform zusammengefügt, mit den Werkzeugen, die die unseren sind, unter den Dächern von Bex. Der Film ist in seiner jetzigen Fassung, kurz bevor alles durch dieselben Bilder und Stimmen ersetzt wird, eine lange Arbeit der Postproduktion, um die in den Kellern der Erinnerung zusammengetragenen Archive wiederherzustellen. Ich glaube, ich bin der einzige im dokumentarischen Bereich, der es in diesem kleinen Land wagt, eine filmische Adaption in dieser Form zu unternehmen, so geizig mit Worten in der ersten Person umzugehen. So viel zumindest fordere ich ein, selbst wenn sie mich während einer künftigen Ausstrahlung malträtieren werden.»

Jean Perret

Aus dem Französischen von Linda Nussbaumer. Eine längere Version dieses Texts erschien im Jahrbuch CINEMA, Ausgabe 66: Mut, Januar 2021.

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