Portrait | Autorentexte

Hommage an Karl Saurer

Autor*in

Elena M. Fischli

Datum

6. Januar 2021

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Karl Saurer

Ein paar Gedanken zum Schaffen von Karl Saurer

Wenn man die Filme anschaut, die Kari sein Leben lang nach genauen, gründlichen Recherchen gemacht hat, ist zu erkennen, dass alle – so verschieden sie auf den ersten Blick erscheinen und so vielfältig ihre Inhalte sind – um folgendes zentrale Thema kreisen: «Wie gefährlich die Entwicklungen eines zunehmend auf Macht und Profit ausgerichteten Lebens für Mensch und der Natur ist. Wie diese Haltung Leiden und Schaden hervorruft und es eine Umkehr braucht.»

Dies zeigt er an ganz konkreten Beispielen und oft auch historisch verbürgten Geschichten. Angefangen vom «Kleinen Welttheater», das Machtverhältnisse unter den Menschen nicht als gottgegeben, sondern als menschgemacht aufzeigt.

Formal oder cineastisch denkend, ging Kari immer «basisdemokratisch» vor. Er verfügte nie über Menschen, sondern arbeitete immer mit ihnen.

Elena M. Fischli

Die Würdigung und Aufwertung der Arbeit des Menschen und dessen Ringen um ein wertgeschätztes, sinnerfülltes und befriedigendes Tun, das ihn nicht zur Maschine werden lässt im Zuge der immer grösseren Industrialisierung und Rationalisierung, thematisiert er in «Brot des Bäckers» und «Der Hunger, der Koch und das Paradies».

Sein Einsatz für Städte und Raumplanung, die gesellschaftliches Leben und humane Räume mindestens so hoch schätzen wie Wirtschaftsinteressen, zeigt sehr früh schon seinen kritischen Blick auf Ambivalenzen als auch der Haltung der Schweiz während des zweiten Weltkriegs, bezüglich der jüdischen Migrantinnen und Migranten. Alle «Bulles d’Utopie» zur 700-Jahr Feier der Eidgenossenschaft haben eine gerechtere, vielfältige, offen-sinnreiche Schweiz zum Thema.

«Kebab und Rosoli – ein Film mit Heimischen und Geflüchteten» verdeutlicht, welche Ungerechtigkeit und Not Menschen zu Migranten macht, denen auch in den «Gastländern» ebenfalls oft Unrecht widerfährt: Sie werden häufig als ökonomische Belastung gesehen statt als bereichernde Andere, als Menschen, die unseren Horizont erweitern können.

Der «Traum vom grossen blauen Wasser» ist eine exemplarische Geschichte derjenigen, die zu den Gewinnern der heftig einsetzenden Industrialisierung anfangs des 20. Jahrhunderts gehörten und all jener, die den Preis dafür zahlten. Eine Warnung, was geschehen kann, wenn die Natur weiterhin nur als ökonomisch auswertbare Ressource betrachtet wird. Es war Kari dabei immer bewusst, dass zur gleichen Zeit enorme Staudammprojekte in China, Indien, Russland und Südamerika laufen, aber er erzählte seine Geschichte hier, wo er Zugang hat zu den Menschen und ihr Vertrauen erhielt.

Im Film «Holz schläike mit Ross» zeigte er die kunstvolle und sensible Zusammenarbeit zwischen Mensch, Tier und Naturgegebenheiten.

Mit «Steinauer Nebraska» gelang ihm die Verbindung der Themen Migration und Ausblutung des Bodens. Er zeigt die verloren gegangene Haltung der Indianer, die Boden nicht als Eigentum, als Besitz betrachten, sondern als gebende Mutter. In subtiler, poetischer Weise wird hier quasi der Kollaps des Hyperkapitalismus in der Landwirtschaft gezeigt und das Warten, die Hoffnung auf einen neuen Zyklus, der indianischer geprägt sein könnte.

Mit «Rajas Reise» erzählt Kari, anhand eines Tieres, eine Geschichte vom Beginn des europäischen Machtstrebens und Kolonialismus, mit dessen oft grausamen Folgen für das Leben der in Besitz genommenen.

Er machte die Not der Migration spürbar, indem er uns den Weg des entwurzelten Rajagopal, ein Nachfahre Gandhis, zeigt, der sich gegen Vertreibung und Unrecht einsetzte. «Ahimsa – die Stärke der Gewaltlosigkeit» ist ein selbstredendes Zeugnis, wie sehr Kari Entrechteten die Würde und Stimme gibt und sie das einfordern lässt, was ihm seit den ersten Anfängen filmischen Gestaltens zentral war. Nicht von ungefähr ist dieser Film ebenso in Indien  wie in Lateinamerika und Afrika für die Landlosenbewegung von Bedeutung.

Formal oder cineastisch denkend, ging Kari immer «basisdemokratisch» vor. Er verfügte nie über Menschen, sondern arbeitete immer mit ihnen. Er erzählte Geschichte «von unten», aus der Sicht von direkt Betroffenen. Auf der Recherche liess er sich leiten von Verunsicherungen und Entdeckungen und am Drehort von der Inspiration der Mitarbeitenden und Protagonisten. Er suchte stets nach Montagen und Narrationsformen, die nicht pädagogisch belehren, sondern kaleidoskopartige und fragmentarische Vorgehensweisen in möglichst vielen Facetten zum Ausdruck bringen – und die den Zuschauenden einen Freiraum geben, um zu denken, zu fühlen und um selber Schlüsse zu ziehen oder noch besser, um Fragen zu stellen. Seine Filme sind feine, komplexe Gebilde.

In vielem, so scheint es mir heute, war er, dieser politisch-poetische Filmemacher, seiner Zeit voraus. Vollkommen uneitel, bedeutete es ihm am meisten, wenn Menschen sich von seinen Geschichten berühren liessen und sich etwas in ihrer Wahrnehmung öffnete.

Elena M. Fischli

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