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Laudatio Rencontre 2022 - Jürg Hassler

Autor*in

Thomas Schärer

Datum

22. Januar 2022

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Laudatio Rencotnre

Lieber Jürg

Wir kennen uns schon lange, leider nur oberflächlich. So ist es in bisschen kühn, dass ich hier stehe. Ich freue mich aber sehr, einige Worte an Dich richten zu dürfen. Ich versuche dich radikal subjektiv aus drei Perspektiven zu fassen.

Die erste Perspektive: Du als anarchisch-konstruktiver Radikalinsky

Du hast mich beeindruckt bei unserer ersten Begegnung 2002. Ich war auf den Spuren der ersten Filmausbildung der Schweiz, den Filmarbeitskursen, welche die damalige Kunstgewerbeschule Zürich anbot. Du hast die Kurse 1967 und 1968 besucht.

Um eine Film-Ausbildung sollte es gehen, obwohl Du, das sagtest Du zu gleich Beginn, nichts von Ausbildungen hältst. Fast stolz hast Du erzählt, wie Du aus der rigid organsierten Fotoschule in Vevey rausgeflogen bist. Mit Deiner kritischen Einstellung Autoritäten und Regeln gegenüber warst Du nicht allein in dieser Zeit. Du hast den Kampf gegen das Starre aber weiter und konsequenter geführt als viele Deiner Zeitgenossen. Engagiert leben, das wolltest Du. Du hast Dich bei der nordvietnamesischen Botschaft gemeldet, als Freiwilliger im Kampf gegen die Amerikaner.

Ein Radikalinsky warst Du in Deinen Worten. Einer der auch noch filmte, wenn die Film-Emulsion nur noch grau und schwarz zeichnete. Ausprobieren und Grenzen negieren, das war und ist immer noch Dein Ding.

Ich besuchte dich in Küsnacht, in Deinem Atelier einer selbstgebauten Wunderwelt, Work in Progress, beispielsweise ein wunderbares Bad-Mosaik à la Marrocaine. Kalt war es, aber Deine dichte Erzählung liess uns die Temperatur vergessen.

Du hast damals 1967/68 bei 4 Kurzfilmen die 35mm-Kamera geführt, als «Kamerakandidat» wie die Akten vermerken. Das war der offizielle Teil. Bei Dir gibt es oft einen inoffiziellen Teil.

Als die Unruhe rund um das besetzte Globus-Provisorium im Frühsommer 1968 auf der Strasse zunahm, bist Du zusammen mit Eduard Winiger losgezogen und hast mit einer 16mm Kamera gefilmt. Daraus entstand «Krawall», ein anwaltschaftliches Dokument der 68er Bewegung. Ein formal wie politisch radikales Manifest, ein heute noch faszinierendes und unentbehrliches Zeugnis jenes Sommers.

Schnell fandest Du Kontakt mit Lehrlingen, mit den schwarzen Steinen. Die -Aufbegehrenden wussten Euch auf ihrer Seite, Schläge bekam Euer Objektiv nur von der Polizei ab. Du kannst zuhören, mit der Kamera Atmosphären und Stimmungen einfangen, Dein Gegenüber vergessen machen, dass da eine Kamera ist, ob das Tinu, der Anführer der Hells Angels sei oder Schwyzerörgeler in Cyril Schläpfers «Ur-Musig» 1993.

Bei meinem zweiten Besuch bei Dir im Atelier kam ich zu einer DVD von «Josephsohn – Stein des Anstosses», deinem vielschichtigen filmischen Portrait aus dem Jahre 1977. So wie der Bildhauer Hans Josephsohn beharrlich bei seinen Figuren immer wieder neu ansetzte, sie zerstörte, hinterfragte, setzt auch Du in Deinem Film immer wieder neu an. Ich glaube, seiner unbedingten Passion auf der Suche nach einem stimmigen Ausdruck fühlst Du Dich nah, wesensverwandt.

Unter all den überbordenden Holzskulpturen in Deinem Atelier lag da und dort eine Filmrolle. Meine Frage, ob Du Diese Rollen nicht mal einem Filmarchiv übergeben möchtest, hat Dich damals wenig interessiert, das Hier und Jetzt war stärker. Heute sind Deine Schätze auch dank Thomas Imbach zunehmend besser aufgehoben.

Du suchst Intensität und Authentizität. In Deinem Film «Welche Bilder, kleiner Engel, wandern durch Dein Angesicht» (1986) verweilst Du auf dem Gesicht eines zweijährigen Mädchens, das wunderbar ausdruckstark dem Spiel älterer Kinder zuschaut, die völlig in ihr Tun versunken in einer fast utopischen Welt ohne Erwachsene agieren.

Wie eine Sonde führst Du die Kamera in Christian Schochers Spielfilm «Lüzzias Walkman» (1989). Du bist nah nicht nur an Menschen, sondern auch an Dingen. Einmal zeigst Du uns das nächtliche Zürcher Shopville von einer Putzmaschine aus, über den Boden gleitend.

Zusammen mit Thomas Imbach hast Du in «Ghetto» (1997) die Energie der Jugendlichen in einer Sekundarschule eingefangen. Die radikale Fragmentierung Deiner Einstellungen in Eurer damals bahnbrechenden stakkatohaften Montage überträgt ein Lebensgefühl, die Befindlichkeit dieser Jugendlichen genau so gut wie Deine langen, oft fliessenden Handkamera-Einstellungen in «Laafi - Tout va bien» von Saint-Pierre Yaméogo in Ougadogou, Burkina Faso.

Zweite Perspektive: Du als Initiator, Ermöglicher und Unterstützer

Ich verlor Dich aus den Augen, aber immer warst Du wieder da.

Einige erzählten mir von wichtigen Anstössen, die Du gegeben hast. Beispielsweise darüber, wie dank der grossen Nachfrage nach Deinem Film «Krawall» der Verleih Filmcooperative entstehen konnte.

Andere erzählten mir, wie es zur ersten Produktion des Filmkollektivs kam, dem Kurzfilm Kaiseraugst über die Besetzung des Baugeländes des geplanten Atomkraftwerks 1975. Am Anfang stand Deine Aufforderung, «wir müssen jetzt dahin und drehen.».

Ich las und hörte von Basler Filmenden wie auschlaggebend Dein Engagement war, dass die Solothurner Filmtage Ende der siebziger Jahre auch das damalige Amateur-Filmformat Super 8 zuliessen und den legendären Film «Dr Tscharni-Blues» von Aaron Nick (1979) zeigten.

Einmal traf ich Dich in den Überbleibseln des ehemaligen Zürcher Güterbahnhofs, im Art Dock. Der Initiator, der Architekt Ralph Baenziger hatte erreicht, dass zahlreiche Künstlerinnen-Nachlässe nicht in der Kehrrichtverbrennung landen, sondern an diesem magischen Ort eine vorläufige Bleibe finden. Dort hattest Du Tag und Nacht Hand angelegt für den Aufbau einer Ausstellung Deines malenden und radierenden Freundes Peter Bräuniger.

Dritte Perspektive: Eigensinniger Teamplayer

Einmal fragte ich Dich, ob es nicht schwierig sei, oft im Hintergrund, aber doch prägend für Filmeprojekte zu arbeiten, und ob Du Dich nicht auch ausgebeutet fühltest. Du hattest für diese Frage nicht wirklich Verständnis. Du denkst nicht in diesen Kategorien. Du kannst Dich komplett einbringen in Unternehmungen, an die Du glaubst. Da spielt es keine Rolle, wem die Urheberschaft zukommt. Das zeigt ja eindrücklich auch die Filmauswahl, welche in hier Solothurn zu sehen ist. Du hast zusammengespannt mit sehr unterschiedlichen Menschen, Dich in den Dienst gestellt von Werken mit einer verblüffenden Bandbreite. Ich, der ich Dich für einen eigensinnigen Individualisten hielt, lernte, dass Du auch ein Team-Player und ein selbstloser Unterstützter und Ermöglicher bist.

Bis vor kurzem schien das Altern, das leiser treten kein Thema für Dich zu sein. Eindrücklich war ein Erlebnis 2016. In der Fribourger Kunsthalle fand die Vernissage einer Ausstellung über das Schweizer Experimentalfilmschaffen statt. Es herrschte kaltes Regenwetter in diesem November. Plötzlich sah ich in der Menge eine komplett durchfrorene und durchnässte Gestalt, Dich. Zitternd erzähltest Du mir, Du seist mit dem Motorrad aus Zürich gekommen, die Bahn sei einfach zu teuer. Nach etwa einer Stunde warst Du soweit aufgetaut, dass Du dir etwas anschauen konntest. Ich fürchtete, Du hättest Dir mindestens eine Lungenentzündung geholt, zu Unrecht.

An einem Abend im Rahmen des Filmprogramms der Ausstellungen blieben wir dank Chauffeur Max Rüdlinger alle trocken. Die Rückfahrt im Schneegestöber war denkwürdig. Von mir aus hätte sie ewig weiter gehen können. Das Gleiche wünsche ich mir für Deinen weiteren Weg. Danke Jürg, dass Du mich und uns immer wieder überraschst, irritierst und inspirierst!

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Die Solothurner Filmtage machen mittelfristig ihre Kataloge online zugänglich. Derzeit sind die Jahre 1966-1971 vollständig erfasst. Stöbern Sie in unserer Festivalgeschichte!

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