1965 |

Die Hoffnungslosen

Regie

Milos Jancso

Share
Bild 1 von Die Hoffnungslosen

Einer der wichtigsten Filme der letzten Jahre.
Milós Jancsó: «Seit meiner Kindheit beschäftigt mich ein Problem: Wie sind die Ungarn? Hier lebt nun dieses kleine Volk in Europa, mit seiner merkwürdigen Geschichte voller Widersprüche und voller unvernünftiger Nostalgien, irreeller Wunschträume… das selten einen sinnvollen Kampf kämpfte. In allen meinen Filmen (5 Spielfilme, 15 Dokumentar- und Kurzfilme) versuchte ich zu ergründen, was dieses Volk brauche, um endlich mündig zu werden, um das «ungarische Brachland» tatsächlich Europa nennen zu können.

In «Die Hoffnungslosen» unterzieht Jancsó die Ereignisse in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einer unbeugsamen objektiven Untersuchung: Die k. und k. Truppen hatten den ungarischen Freiheitskampf von 1848/49 niedergerungen, Die revolutionären Truppen waren ihres Lebensraumes beraubt und fristeten als Gesetzlose das harte Leben von Freischärlern. Die gehetzten Helden wurden zu «politischen» Verbrechern mit den unverkennbaren Zeichen der inneren Deformation der Unterdrückten. Der Regierungskommissar Raday erhält den Auftrag, die «Die Hoffnungslosen» zu liquidieren. Er treibt in einer Erdburg irgendwo in der grossen ungarischen Ebenen einige hundert Bauern zusammen, um unter ihnen die Freischärler und wenn möglich ihren Anführer Sandor zu ermitteln, Seine Verhörungsmethoden sind aber nicht physisch, sondern psychisch brutal. Er verspricht einem fünffachen Mörder Gnade, wenn er unter den Gefangenen einen finde, der mehr Menschen als er umgebracht habe. So beginnt ein grausames Spiel gegenseitiger Denunziationen, wobei die Gendarmen nachhelfen: Sie schliessen absichtlich 2 Zellentüren nicht, damit ein Vater und sein Sohn den Verräter umbringen können. Indem sich die zwei dann gegenseitig retten wollen, verstricken sie sich in Widersprüche, die wiederum andere Mitgefangene ausliefern. Sie peitschen die Frauen von Gefangenen aus, damit sich deren Männer stellen sollten (nebenbei eine Sequenz, in der die unglaubliche Selbstbeherrschung des Regisseurs sichtbar wird. Man stelle sich vor, was ein perverser Scharlatan wir Jacopetti aus dieser Szene gemacht hätte).
Der Regierungsstatthalter lässt sich degradieren und zu den Gefangenen einsperren. Um schliesslich den ganzen Trupp zu erwischen, werden alle Gefangenen begnadigt, die sich wieder in die Armee einreihen lassen und sich zu ihrer ehemaligen Einheit bekennen, denn das «Vaterland» brauche sie nun wieder. Dieser Versuchung können die ehemaligen Soldaten nicht widerstehen und verraten sich.

Jancsó beraubt das mit der Illusion der Romantik umwobene Thema jeder verlogenen Legende und entfaltet in einer schonungslosen Analyse die tragische Situation von Unterdrückten, deren Charakter unter dem Druck einer anonymen Macht immer mehr zerfällt. Er belebt die aus kleinen, oft zusammenhangslosen Episoden aufgebaute Geschichte mit grosser Spannung, erregender Kraft, ohne sich irgendwelcher naturalistischen Kniffe zu bedienen.

Wortkarge Poesie: vom ersten Bild an fühlen wir uns als Gefangene einer eigenartigen, geschlossenen Welt, die durch kühne Auslassungen und Verschweigungen heraufbeschwört wird. Ein Kopfnicken, die kleinste Bewegung, das Flattern der Mäntel, das unbarmherzige Licht, die ganze Mikromimik der z.T. ausdrucksstarken Gesichter geben der kürzesten Einstellung ein grosses Gewicht. Von Dekoration nicht die geringste Spur. Die grossen Kontraste der Bilderfolge, die weitangelegte Komposition strahlen genügend Kraft aus. Die bedrückende Ferne der kahlen, leeren Landschaften, die nackten weissen Wände wechseln mit den misstrauischen, bitteren Gesichtern. Die natürlichen Geräusche der Pussta (es gibt keine Musik), die Schläge beim Spiessrutenlaufen, die mehr das Auge als das Ohr verletzen, der fahle Klang der abgerissenen Sätze beschwören die Gespensterhaftigkeit einer entmenschlichten Welt herauf, einer heimatlosen Welt unter einer totalitären Macht! Diese asketische Poesie durchdringt alles und gestaltet ein Werk von seltener Einheit. An die Stelle der Gefühlsleidenschaften tritt die Leidenschaft der Vernunft und des Denkens, die dramatische Kraftentfaltung des Strebens nach der Wahrheit.

Eine Welt ohne Klischées: Nicht das Toben zügelloser Machthaber zeigt Jancsó, sondern die zerstörende Kraft der Unterdrückung: wie Zwang, vorgegaukelte Hoffnungen die menschliche Haltung zersetzen, wie diese Atmosphäre die Menschen gefügig, unterwürfig und verbrecherisch macht, wie sie das Gefühl völligen Ausgeliefertseins erzeugt. Hier können Helden nicht intakt bleiben! Der erste Verrat führt zu einer Kettenreaktion. Was ist Recht? Was Selbstverteidigung? Was Feigheit? Was Rache? Was Solidarität?
Transparenz des Konkreten: Das authentische historische Drama ist der Träger allgemeiner Lebenswahrheiten. Der Film verödet aber nie zu einer Allegorie, zu einer Serie von Thesen, zu einer Bebilderung von Gedanken (wie vielleicht z.T. «Deserto Rosso», od. «Mutter Johanna von den Engeln»). Jancsó betrachtet die Story nicht als Tarnung, versucht, eine historische Analyse durchzuführen, die über die geschichtliche Chronik hinauswächst: Bild und Idee bilden eine Einheit, fallen zusammen.

Der dämonische Mechanismus: Der Irrationalismus der Willkür entfaltet sich vor uns: gespenstische Schatten, ein fahles Grau, Menschen ohne Gesichter die kommen, verschwinden, ersetzt werden, aber ihre Aufgabe mit grösster Präzision erfüllen. Das erdrückende Erlebnis der Unmenschlichkeit entsteht gerade dadurch, dass wir das ganze als einen dämonischen Mechanismus empfinden, dessen Zweck unbekannt bleibt und deswegen das lähmende Gefühl launischer Unberechenbarkeit ausstrahlt. Wer jemanden zum Sklaven macht, wird schliesslich selbst Sklave der Macht!

Niklós Jancsó: «Die Hoffnungslosen» ist ein realistischerer Film als alle «historischen» Filme.
- «Von den heutigen Filmen steht mir die Kunst von Antonioni, Bergman, Wajda, Godard und Truffaut am nächsten» (warum er wohl seinen Geistesverwandten Bresson nicht erwähnt?).
- «Ich hoffe, dass der Zuschauer nach Besichtigung des Filmes in seinen die Unmenschlichkeit verurteilenden Ansichten bekräftigt – also optimistischer wird. Ein Werk, das beruhigt – entwaffnet; jenes jedoch, das aufrüttelt, das den Zuschauer der Unmenschlichkeit, der Grausamkeit gegenüberstellt, ist – optimistisch. Es gibt wohl kaum eine edlere ästhetische Freude als die Entdeckung der Wahrheit.» (s.p.)

Quelle: Hungarofilm-Bulletin 66/3

Regie
Milos Jancso
Credits

Crew

Regie Milos Jancso
Kamera Tamas Somlo

Produktion

Mafilm

Budapest

suisse_1.jpg Explorez
Cinéma hero_trailer_suisse_2.jpg
suisse_3.jpg Suisse

Stöbern Sie in unserer Sammlung seit der Gründung des Festivals.

Entdecken Sie die Geschichte des Schweizer Films

Entdecken Sie unsere Online-Filmedition

auf der Plattform filmo.svg

Premiere

Premiere

Premiere
verbleibend Noch nicht verfügbar Nicht mehr verfügbar

Présente du 12 jan au 14 jan 2020

Live
Veranstaltungen
Die neuen Filme des Tages
Nur noch wenige Stunden verfügbar