Geschichten | Autorentexte

Grenzgänger­innen – «Mit ganz enorm wenig viel»

Autor*in

Alexandra Schneider

Datum

1. Dezember 2021

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Das Programm «Grenzgängerinnen» ist eine Einladung Filmgeschichte in Entgrenzungen zu denken. Es zeigt Filme von fünf Regisseurinnen, die mit ihren Biografien und auch Arbeiten in den 1960er und 1970er Jahren einen geografischen, formalen oder politischen Auf- und Ausbruch gewagt haben.

«Mit ganz enorm wenig viel», so heisst es in einem Gedicht der Künstlerin Meret Oppenheim. Dass sich damit eine Menge machen – anders machen – lässt, zeigen die Filme von Cristina Perincioli, Danielle Jaeggi, Anne-Marie Miéville und Loretta Verna, aber auch jene der Schweizer Trickfilmpionierin Gisèle Ansorge. Wie damals das Private politisch medial reflektiert wurde, lässt sich in diesem bewusst vielfältigen Programm wiederentdecken.

Filmgeschichte als Entgrenzung zu denken, bedeutet unter anderem, die Frage nach der nationalen Herkunft von Filmen nicht eng zu fassen, sondern auch Regisseur*innen wie Cristina Perincioli und Danielle Jaeggi mit in den Blick zu nehmen, die beide zunächst zu Ausbildungszwecken die Schweiz verlassen haben. Perincioli studierte 1968-1971 an der DFFB in Berlin und wurde zu einer Mitbegründerin der feministischen (Film-)Bewegung in Deutschland. Danielle Jaeggi ging nach Paris zum Studium an der IDHEC (1964-1967) und wurde dort Teil eines feministischen Aufbruchs und einer breiten politischen Filmpraxis, die sich um Arbeitskämpfe in kleineren Städten drehte und von der Filmgeschichtsschreibung zu oft vorschnell auf Godard, Gorin und die Groupe Dziga Vertov reduziert wird.

Beide Regisseurinnen sind Anfang 1940er Jahre in der Schweiz geboren, und beide sind auch heute noch filmpolitisch engagiert, Perincioli bei Pro-Quote-Film und Jaeggi bei Collectiv 50/50. Beide sind im Programm auch mit Kurzfilmen vertreten, die einen Einblick in die Anfänge ihrer Filmkarrieren geben und zeigen, mit welch spielerischer Neugier sie das Medium auch mit bescheidenen ökonomischen oder technischen Mitteln zu erkunden wussten. In all ihren Beiträgen ist der Aufbruch spürbar, den die neue Frauenbewegung und der Feminismus ausgelöst hat.

Eine weitere Entgrenzung bringen Anne-Marie Miéville und Loretta Verna mit ihren Beiträgen zu einem vierteiligen, heute in dieser Form kaum mehr vorstellenbaren Fernsehexperiment in der Sendereihe «Écoutez-voir» der TSR von 1977 ins Spiel: jene zwischen Film und Fernsehen, und zwischen Filmgeschichte und Fernsehgeschichte. Miéville setzt sich mit den gesellschaftlichen Erwartungen und Zuschreibungen der Mutterrolle auseinander und lässt dafür ausführlich die Tochter eines alleinerziehenden Vaters zu Wort kommen. Loretta Verna befasst sich in ihrem Film mit der Frage des Alterns und lässt zwei Männer sprechen, in langen Einstellungen, in denen Wortwahl, Sprechkadenz und Pausen so wichtig sind wie der Inhalt der Aussagen. Miéville und Verna finden auf jeweils eigene Weise eine Form des dokumentarischen Sprechens und Sprechenlassens, die dem Format des Talking Heads diametral entgegensteht: Nicht um Emotion und Information im Dienste eines Arguments geht es, sondern um das, was Elias Canetti einmal die «Sprachmaske» genannt hat, die unverwechselbare sprachliche Physiognomie der Figuren. Verna spricht in ihrem Beitrag von einem «Verlangen nach Dauer» («le désir de durée»), eine Formulierung, die man auch als Formel für diese Form des Sprechenlassens lesen kann. Form gewinnt dieses Verlangen im «neuen» Medium Video, weil dieses keine Restriktionen der Aufnahmezeit mehr kennt: Die Kamera kann laufen-,die Figuren können sprechen gelassen werden, ohne teures Material zu verbrauchen.

«Mit ganz enorm wenig viel» arbeitet schliesslich auch Giséle Ansorge, die fast eine Generation älter ist als alle anderen Regisseurinnen dieses Programms. Sie realisiert ihre Sand-Animationsfilme, gemeinsam mit ihrem Partner Ernest Ansorge mal unabhängig, mal im Auftrag der TSR.

 

Mein Dank geht an die Mitglieder von CUT Film- und Videomacherinnen in der Schweiz – Connie Betz, Brigitte Blöchlinger, Cecilia Hausheer, Monika Buser und Claudine von Niederhäusern, mit denen ich zwischen 1992 und 1995 an der Herausgabe des gleichnamigen Bandes gearbeitet habe.

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