Dossiers | Autorentexte

«Im Idealfall spart das am Schluss sogar Geld»

Autor*in

Rapahel Amstutz

Datum

5. Januar 2022

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Filmstill Stürm

Umweltschutz und Filmemachen gehören noch kaum zusammen. Das muss und wird sich ändern, sagt der Berner Produzent Ivan Madeo («Stürm»). Doch was bedeutet «grüne Produktion» überhaupt?

Was haben die Schauspieler gegessen während den Dreharbeiten? Sind die Schauspielerinnen mit dem Zug oder dem Flugzeug ans Set gereist? Und: Wie viel CO2 hat dieser Film verbraucht? Solche Fragen stellen sich die wenigsten Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn sie im Kino oder vor dem Fernseher sitzen – die Themen Umweltschutz und Film gehören in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zusammen.

Zunehmend anders ist das für die Filmproduzenten. Einer davon ist Ivan Madeo von Contrast Film. Madeo leitet die im Jahr 2009 gegründete Produktionsfirma mit Niederlassungen in Zürich und Bern gemeinsam mit Stefan Eichenberger und Urs Frey. Ihr neues Werk, «Stürm: Bis wir tot sind oder frei», läuft momentan in den Schweizer Kinos.

Dieser Film war es auch, der Madeo und sein Team vor rund drei Jahren handfest mit dem Begriff der «grünen Produktion» in Kontakt gebracht hat. «'Stürm' ist eine schweizerisch-deutsche Koproduktion», so Madeo. «Deutschland ist im Bereich der umweltfreundlichen Filmherstellung Bereich bereits viel weiter als wir in der Schweiz. Wir wurden damals quasi gezwungen, uns damit auseinanderzusetzen», sagt er - und ergänzt: «Das ist auch gut so.»

Grüne Planung bis ins kleinste Detail

Contrast Film gehörte zu den Ersten in der Schweiz, die Umweltaspekte bei der Durchführung grösserer Filmproduktionen beachtet haben. Hierzulande werde seither viel diskutiert und ausgetauscht, «eine Vorstellung, was das genau bedeutet, haben aber noch nicht viele», so der Berner.

Was heisst das denn nun konkret, «möglichst ökologisch» filmen? «Drehen an sich ist nichts Grünes», hält Ivan Madeo fest. Wie die Herstellung jeder anderen Ware hinterlasse auch die Filmherstellung eine ökologische Fussspur. Es gehe also darum, diesen Abdruck auf ein Minimum zu reduzieren. «Im Idealfall spart das am Schluss sogar Kosten», sagt Madeo.

Zuerst aber bedeutet es Arbeit, weil jeder einzelne Punkt eines Produktionsplanes, von der Drehvorbereitung über die Dreharbeiten bis zur Postproduktion, auf seine Umweltverträglichkeit hin abgeklopft werde. «Und zwar bis ins kleinste Detail», so Madeo. Es fange an bei der Organisation von Flügen und dem Ablauf der Drehorte, gehe über zur Frage, welches Beleuchtungsmaterial am Set verwendet werde und ob wirklich jede Schauspielerin und jeder Schauspieler einen eigenen Trailer als Rückzugsort brauche und ende damit, wiederverwendbare Tassen zu verwenden anstatt Einwegbecher, sprich so wenig Abfall wie möglich zu generieren, und darauf zu schauen, dass am Abend alle elektronischen Geräte komplett ausgeschaltet seien.

Flexibilität gehört zum Alltag

Contrast Film hat neben «Stürm» auch zwei Zürcher Tatort-Folgen unter diesem Aspekt realisiert, welche nächstes Jahr ausgestrahlt werden. Das zeige, so Madeo, dass «der grüne Zugang» sowohl bei Auftragsarbeiten als auch bei klassisch geförderten Kino-Produktionen funktioniere. Es mag überraschend klingen, wenn Ivan Madeo sagt: «Es ist eigentlich weniger kompliziert als es klingt».

Entscheidend sei, dass «die Menschen auf dem Set auf diese Linie eingeschworen werden», so Madeo. Deshalb gehe er gleich zu Beginn der Dreharbeiten, beim sogenannten Warm-Up, mit allen Beteiligten sämtliche «grünen Massnahmen" durch. «Eine grüne Produktion muss auf vielen Schultern verteilt sein. Alleine ist das nicht zu schaffen», so Madeo.

Obwohl Menschen Gewohnheitstiere sind, habe er erlebt, dass für praktisch alle Crew-Mitglieder, Schauspielerinnen und Schauspieler die Umstellung erstaunlich einfach sei. Die Filmbranche habe bei den Covid-Schutzmassnahmen bewiesen, wie agil sie sei, so Madeo. Seit es Kino gebe, musste nie mit Masken, Abständen und Tests gearbeitet werden. Nun sei das seit dem Ausbruch der Pandemie praktisch über Nacht zum gelebten Alltag geworden. «Das ist allen klar und niemand lässt sich davon ablenken oder stören», sagt Madeo. «Flexibel zu sein, sind wir uns gewohnt.»

Filmen ist teuer. «Ein normaler Drehtag kann zwischen 50'000 und 100'000 Franken kosten», so Madeo. Deshalb sei es wichtig, von der Idee, die Gleichung würde grüner = teurer lauten, wegzukommen. Wenn es nämlich gelinge, die Teams zum Beispiel regional zusammenzustellen oder beim Drehen weniger auf der Landkarte herumzuhüpfen, könne bei den Unterkünften und bei den Flügen Geld gespart werden. «Unter dem Strich kann es sich also durchaus auch finanziell lohnen, möglichst ökologisch zu drehen», so Madeo.

Umbruch auf der ganzen Ebene

Wie wird denn überhaupt gemessen, wie grün eine Produktion ist? Unterschiedliche Zugänge und Modelle würden zurzeit geprüft, so Madeo, da sich die Schweiz in «einer Phase der Anpassung und des Umdenkens befinde». Derzeit bewähre sich der CO2-Rechner von myclimate zur Emissionsmessung am besten. Dort wird die ganze Produktion und alles, was mit ihr zusammenhängt, hinterlegt und automatisch berechnet, wie viele Tonnen CO2 zum Beispiel verbraucht worden sind, was das alles gekostet hat und wie grün das ganze Filmprojekt wirklich war.

Gleichzeitig könnten so unterschiedliche Produktionen miteinander verglichen werden und man könne voneinander lernen. «Wir befinden uns aber noch in der Testphase», sagt Ivan Madeo. «Ich weiss nicht, welches Modell sich am Ende als Standard durchsetzen wird.» Aber er staune bei der Prüfung seiner myclimate-Analysen, wie viele Einsparungen tatsächlich möglich seien und wie viel Spielraum es da gebe.

Natürlich gelte immer wieder zwischen dem künstlerischen Anspruch und den Bedingungen, die man einhalten müsse und wolle, abzuwägen. «Selbstverständlich ist es einfacher, ein Kammerspiel, das konzentriert in einem Haus spielt, unter ökologischen Aspekten zu drehen, als eine Produktion wie 'Stürm', die Schauplätze in der Schweiz, Deutschland und Spanien hat.» Pauschale Antworten gebe es also nicht, ebenso wenig ein Schema X, denn jeder Film sei ein Prototyp.

Die Stossrichtung sei aber ganz klar, so Madeo: «Der Klimawandel ist eine Tatsache. Wir haben keine andere Wahl, als unser Möglichstes zu tun, unsere ökologischen Fussabdrücke so klein wie möglich zu halten. Alle müssen und sollen einen Beitrag leisten. Wir Filmschaffenden stehen ja nicht ausserhalb der Gesellschaft.» Es gehe also um viel mehr als die Frage, ob auf einem Set auf Einwegbecher verzichtet werde.

Ausserdem sei die Ökologie nicht das einzige Thema, dass es beim Filmemachen zu beachten gelte. Es gehe neben Umweltaspekten und den besagten Covid-Schutzauflagen seit #MeToo auch um Gleichstellungsfragen sowie um die Diversität und Inklusion. «In der Filmbranche bleibt momentan kein Stein auf dem anderen. Wer das nicht begreift und entsprechend reagiert, ist schnell weg», sagt Madeo.

*Dieser Text von Raphael Amstutz (Keystone-SDA) wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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