1964 | Spielfilm | 101 min

Night Must Fall

Regie

Karel Reisz

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Bild 1 von Night Must Fall

Eine weissgekleidete, junge Frau setzt sich vor einem romantischen Landhaus auf eine Schaukel. Von den zarten Wipfeln der Bäume erklingt der Gesang der Amseln. Gleichzeitig schlägt Danny im benachbarten Gehölz mit einer Axt auf eine Frau ein, wirft das Mordinstrument ins Wasser, nimmt ein Reinigungsbad, taucht, kehrt nach Hause zurück, tritt in sein zweites, äusserliches Leben ein.

Soweit die Exposition. Aber eigentlich gibt es hier weder Einführung noch Schluss. Karel Reisz, ein eigenständiger Regisseur, gibt uns hier nichts anderes als das in rasender Eile herannahende Ende eines manisch-depressiven jungen Mannes, eines liebenswürdigen, sensiblen Menschen, der den Dämon in seinem Innern nicht zu bändigen vermag. «Rasende Eile», sagte ich. Gewiss, diese erschütternde Studie, meist gleichzeitig auf zwei Ebenen spielend (nicht nur bildlich), hat keine Längen, keine Wiederholungen. Den zweiten Mord glaubt man fast unmittelbar an den ersten angeschlossen. Mit dem ungestümen Rhythmus meine ich jedoch nicht etwa den herkömmlichen Thriller-Schnitt zwischen einzelnen Einstellungen. Im Gegenteil: Die Einstellungen sind eher lang. Aber die einzelnen, abgewogenen Sequenzen folgen sich in einer eben so rasanten wie zwingenden Reihenfolge, die nur das Nötigste anerkennt.

«Night Must Fall» – ein Roman des englischen Autors Emlyn Williams – ist nicht nur als Bühnenstück bekannt geworden: 1937 wurde dieses Werk bereits erstmals verfilmt (von Richard Thorpe). Reisz, seit seinem «Saturday Night and Sunday Morning» als führender Regisseur des «free cinema» bekannt, hat nun diese Vorlage ein zweites Mal mit bestechender Hellsichtigkeit ins Bild umgesetzt, in dem das Wort nur noch das auszudrücken hat, was das Bild nicht oder nicht klar oder unklar genug vermitteln kann.
Der Studie des jungen Mannes Danny wurde da und dort die Aufschrift «Gruselfilm» aufgezwungen. Das ist Unsinn. Es gibt wenige Stellen, die eine Gänsehaut produzieren könnten. Reisz will uns erschüttern, er will uns deutlich machen was hinter dem angenehm lieben Jungengesicht Dannys brütet, mordet, brennt. Er will uns die Abgründe des Menschen, in dessen Un- und Urmenschliches hinunterblicken lassen. Das trifft. Aber es ist eine Stufe tiefer, ernster humaner als Grusel. Reisz setzt uns mit dieser Doppelgesichtigkeit zu, bewusst und wirkungsvoll.

Bewusst: Er, menschlich und empfindsam, macht uns das Urteil über Danny, den Liebgewonnenen, schwer. – Wirkungsvoll: Er behandelt das Thema nicht bloss mit meisterhaft angewendeten Mitteln; er setzt uns das Ganze distanziert und temperiert vor.

Lag mir vorhin beim Wort «Gruselfilm» schon der Vergleich mit Polanskis «Repulsion» nahe, so kann ich bei dieser Gelegenheit nicht mehr daran vorbeigehen. Denn all die Riffe und Untiefen, an denen Polanski mit seinem im grossen und ganzen ähnlich gelagerten Stoff scheiterte, finden sich bei Reisz umschifft und gemeistert. Da überwuchert das Geschehen nicht mehr das Hintergründige: die Aussage ist durchdacht, reif; Effekt ist nicht Selbstzweck.

Hervorragend sind die Darsteller und deren Führung. Die drei Frauen, die alle auf ihre Weise dem sich zurückgesetzt fühlenden «Hausangestellten» Danny, zugetan sind, werden präzis und lebensnah gezeichnet. Ein Meisterstück – wenn auch nicht mit eben neuen Interpretationsmethoden – bietet der entfesselte Albert Finney («Tom Jones»). Danny als Kind, Danny im Mord-Rausch, Danny als Liebender, Danny in der Verzweiflung – immer ist Finney präzis und glaubhaft. Es ist seltsam: Noch nie hat mich ein Darsteller so sehr an andere Grössen der Leinwand gemahnt, ohne dass er seine eigenen Persönlichkeit verliert. Wechselweise sieht man in Finney einen Lorre, dann einen älteren Dean, einen jungen Burton, einen bestechenden Brando. Aber immer bleibt Finney dabei Finney.

Gleichzeitig mit diesem Hymnus auf Finney muss auch der der Darstellerführung gesprochen werden. Seit langem habe ich nichts gesehen, das derart überzeugend und ergreifend gestaltet wurde wie etwa die Schluss-Sequenz oder die Enttäuschung Dannys, aus der Rolle des mit seiner «Mutter» spielenden Kindes verjagt worden zu sein.

Sie merken: Diesen Film kann man lieben, Trotz oder auch gerade wegen des Themas. Diesen Danny mit dem «D» auf seinem Veston kann man lieben, ihn, der – auf die Stirne tippend – zu seiner Freundin sagt: «Hier ist es, wo ich wohne», ihn, der dann traurig und bestimmt sagt: «Eintritt verboten».

Der Film ist mehr als eine blosse Studie. An die Stelle des tatsächlichen, physischen Mordes könnte anderes treten. Etwas, das Sie und ich kennen, Das in uns brütet. Büchner sagt: «Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? – Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!» *1)

Diese auf die Fatalität der Geschichte bezogenen Worte gelten auch hier.

Ich mag diesen Film Karel Reisz’, dieses Werk zwischen «Saturday Night and Sunday Morning» und «Morgan» sehr. Und es wäre noch zu sagen: Der Film bleibt ein wenig fremd. Vielleicht ist «fremd» nicht präzise. Irgendetwas stört mich. Ich habe den Film nicht nur einmal gesehen – ich habe aber nicht herausgefunden, was es ist, das sich da querlegt in diesem gradlinigen Film. Ist das Ganze zu sehr gekonnt, geschleckt? Oder liegt es gar in der Absicht des Regisseurs, uns das Ganze fremd und ungemütlich zu machen?

Oder kann man es auch anders wenden? Liegt in dieser Quere nicht ein weiterer Vorzug? Eine weitere Spitze? (b.j.)

*1) Büchner: «Dantons Tod», 2. Akt

"Von Karel Reisz, dem hervorragenden Gründer des englischen Realismus, hätte man anderes erwarten mögen als diesen Horrorfilm auf psychologoscher Basis. "Er praktiziert eine raffinierte und gewagte Montage, in der sich das Unvereinbare, das Unmögliche gegenüberstehen." (U. Gregor, Cinéma 64)

"Dès les premiers plans il est manifeste que Karel Reisz n'a rien compris au sujet. Il essaie d'innover dans sa description de l'assassin: au lieu de lui donner comme à l'origine une élégance équivoque et manifestement séductrice, il fait une brute au torse nu. A cette confusion s'ajoute la vision que Reisz a de ses personnages, constamment dégradante, son mauvais goût, et surtout son incapacité à mettre en scène une séquence difficile sans avoir recours aux trucs les plus éculés (pancinors, montage parallèle, etc.).
(Cahiers du Cinéma, Nr. 184)

Regie
Karel Reisz
Credits

Crew

Regie Karel Reisz

Cast

Albert Finney

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