Dossiers | Autorentexte

Sichtbare Gemeinschaft

Autor*in

Marianne Wirth & David Wegmüller

Datum

13. Januar 2022

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Beitrag Cinebulletin

Auch die Solothurner Filmtage fanden 2021 nur online statt. Doch digitale Festivals sind eine Notlösung. Sie sollen auch als zusätzliche Option nicht der Regelfall werden, wenn man vor Ort spielen kann.

Im Verlauf des Jahres sind wir verschiedentlich mit der Frage konfrontiert worden, ob wir 2022 zusätzlich zum physischen Festival die Filme online spielen könnten. Warum nicht aus der Not eine Tugend machen und die «digitale Transformation» zum eigenen Vorteil nutzen? «Hybrid» lautet das Zauberwort.

1997 wurde mit dem Toyota Prius der erste «Hybrid» auf dem Automobilmarkt eingeführt. Es war das Blech gewordene Versprechen der New Economy: Dank neuer Technologien sollten in der Zukunft wieder mehr Autos verkauft werden.

Der Ruf nach einem hybriden Filmfestival hat ähnlich handfeste Gründe. Kulturveranstaltungen, auch die Solothurner Filmtage, stehen seit vielen Jahren in der Gunst des Publikums. Das ist wunderschön und soll auch so bleiben. Die Vermeldung neuer Zuschauerrekorde scheint nun aber vorerst unrealistisch. Entsprechend gross ist die Versuchung, anderswo zu wachsen. Der «digitale Raum» bietet scheinbar grenzenlose Möglichkeiten dafür. Filme kann man online «verfügbar» machen, Zuschauer:innen als Klicks verbuchen. Und ähnlich wie beim Prius soll der neue Festival-Konsum am Ende nachhaltiger werden: Wer nicht anreisen mag, kann beim Streamen zu Hause Ressourcen sparen. 

Wie eine grosse Recherche von Le monde diplomatique zeigte, geht diese Rechnung jedoch nicht auf. Bereits heute werden rund 10 Prozent des weltweit erzeugten Stroms von der Digitalindustrie verbrannt. Serverkapazitäten, Streaming, Kommunikationstechnologie: das alles (ver-)braucht der Festival-Hybrid, zusätzlich zur Infrastruktur vor Ort. Wer beim «Green Filmmaking» den Verzicht auf Fleisch-Catering fordert, sollte also auch den Ausbau von Präsenzveranstaltungen zu digitalen Plattformen hinterfragen. 

Vor Ort und gleichzeitig im Netz: Es sind nicht nur ökologische Argumente, die für einen Verzicht auf diese Doppelspurigkeit sprechen. Diese beginnen beim Publikum, das sich nur vor Ort – und gerade in einer Kleinstadt wie Solothurn – als sichtbare Gemeinschaft erfährt: auf der Strasse, in den Beizen und in den Kinosälen. Es bündelt den Blick auf die Leinwand, wenn ihm die Verdunkelung des Saals keine andere Wahl lässt, und es klickt nicht weg, wenn ein Film eine gewisse Anlaufzeit braucht. Wird’s wieder hell, betreten die Filmemacher:innen die Bühne und reden dialogisch mit ihrem Saalpublikum. Ist dieser Raum überblickbar, ein Film für einmal auch ausverkauft, so steigert das nur seinen Wert.

Wieder und wieder haben uns Filmschaffende im Lauf der Jahre zu verstehen gegeben, dass sie und ihre Filme das Ritual der Festivalvorführung brauchen und schätzen. Seine Sinnlichkeit lässt sich durch keinen HD-Stream, sein sozialer Wert durch keine Zoom-Konferenz ersetzen. 

Und wenn es am Ende doch wieder zum Lockdown kommt? Dann spielen wir eben nur online. Und werden dabei schmerzlich vermissen, was ein richtiges Festival ausmacht: die realen Begegnungen, die geplanten und unverhofften, die Konzentration aufs Wesentliche, das gemeinschaftliche Filmerlebnis vor Ort. Dafür stehen wir und dafür stehen wir ein.

Dieser Text wurde am 6. Januar 2022 erstmals im Cinébulletin veröffentlicht.

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Die Solothurner Filmtage machen mittelfristig ihre Kataloge online zugänglich. Derzeit sind die Jahre 1966-1971 vollständig erfasst. Stöbern Sie in unserer Festivalgeschichte!

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