Dossiers | Autorentexte

Profil stärken, Diskurs fördern

Autor*in

Giuseppe Di Salvatore

Datum

12. Januar 2022

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Atelier de la pensée

Im «Atelier de la pensée» wird über die Situation von Filmfestivals in Zeiten der Digitalisierung und der Endemie debattiert. Giuseppe Di Salvatore, Leiter der Atelier-Sektion und Mitbegründer des Filmportals filmexplorer.ch, skizziert Fragen und zwei Strategien der Reduktion.

Die hybride Welle: auswählen statt wachsen

Das Phänomen der Digitalisierung ist den Festivals nicht fremd, und das seit geraumer Zeit. Die Erfahrung der Pandemie hat dieses Phänomen nur noch zugespitzt, indem es den Festivals die Möglichkeit bot – oft zum ersten Mal – eine komplett digitale oder eben hybride Ausgabe zu realisieren. Wird eine Phase der Endemie also die Festivals dazu bringen, hybride Optionen zu wählen, d.h. Online-Vorführungen der Filme – ob als mit der Programmgestaltung vor Ort identisches oder davon abweichendes Angebot – vor, nach oder zeitgleich mit ihrer Vorführung auf Präsenzveranstaltungen? Oder gar das digitale Angebot auf jene Veranstaltungen zu beschränken, die sich an die Professionals wenden?  Wie sich inmitten dieser Möglichkeiten orientieren, ohne dabei in die Falle zu tappen, das Digitale als Bereich der Expansion zu begreifen, und ohne dessen spezifischen Eigenheiten Rechnung zu tragen?

Im Hinblick auf das Angebot: Sein Profil kennen oder stärken

Die Möglichkeiten des Digitalen werden zu einer Chance und nicht etwa zur Konkurrenz, wenn man seine spezifischen Eigenheiten ernst nimmt und sich die Frage stellt: Was kann man online besser machen? Und: Was wird man online niemals erreichen? Einige vernünftige Antworten: Will man den spezifischen Eigenheiten des Digitalen gerecht werden, wird man es den Professionals ermöglichen müssen, die Dossiers zu studieren, die Filme zu bewerben, sie zu sichten – wenn auch in minderer Bild- und Tonqualität – und zu besprechen, ohne das Publikum einzubeziehen. Was online jedoch nicht machbar ist, sondern nur vor Ort, an einem Präsenzfestival: es allen Teilnehmenden (Zuschauer*innen, Filmschaffenden, Professionals) zu ermöglichen, sich auf direkte Weise auszutauschen, Filme in hoher formaler Qualität zu sehen, sich den Überraschungen zu stellen, die Vorführungen im Kinosaal bereithalten und aktiv an den Diskussionen rund um die Filme teilzunehmen.

Die verschiedenen Möglichkeiten von physischen und online-Festivals zu kennen: darin besteht der Auftrag, wenn man den digitalen Wandel als Chance begreifen will, ohne sich ihm zu unterwerfen und auch ohne zu improvisieren. In diesem Sinne bieten die Veränderungen, denen die Festivals in jüngster Zeit unterworfen sind, eine wertvolle Gelegenheit, ihren Auftrag zu überdenken in dem sie sich auf die Anforderungen ihres Profils „beschränken“. Analoge und digitale Möglichkeiten – verschliessen wir uns der einen oder anderen, werden wir uns in einer fruchtlosen Debatte zwischen den Nostalgikern der guten alten Zeit des Kinos und den begeisterten Anhängern technologischer Neuerungen wiederfinden. Die Frage ist vielmehr (und sie ist für jede Veranstaltung wieder eine andere): was ist das eigene Profil des Festivals und in Bezug auf diese: was macht Sinn?

Im Hinblick auf die Nachfrage: Diskursives und proaktives Eingehen auf das Publikum

Digitale Angebote können ein Publikum zufriedenstellen, das sich immer mehr in die Privatsphäre zurückgezogen hat. Muss man sich also sein Publikum einfach im Internet suchen? Ganz so einfach ist die Sache nicht, und der jüngste, erwartbare Publikumsrückgang auf Festivals geht nicht nur auf die Pandemie und die Online-Abwanderung vor allem des jüngeren Publikums zurück. Um die Lage zu begreifen, muss man die Frage «Wo ist das Publikum?» durch die Frage «Wie hat sich das Publikum durch die neuen digitalen Gewohnheiten verändert?» ersetzen. Dabei gilt es, drei Aspekte zu berücksichtigen, die mir auf eine strukturelle Veränderung hinzuweisen scheinen: das Publikum hat sich im Hinblick auf seine Interessen zersplittert. Es ist geografisch weniger verortbar geworden. Und auf Grund der wachsenden Wahlmöglichkeiten fehlt es ihm an Orientierung.

Infolgedessen ist ein Festival, das fortgesetzt sein Angebot erweitert (online oder vor Ort), um für jeden Geschmack etwas zu bieten, zum Scheitern verurteilt. Für ein Präsenzfestival, das auf Zuschauer setzt, deren Gewohnheiten bereits «digitalisert» sind, bietet sich eher – was künstlerisches Profil, Kuratierung, Vermittlung und partizipative Diskussionen angeht – ein diskursives und proaktives Engagement an. Weniger Quantität und mehr Diskurs; weniger Befriedigung bereits existierender Bedürfnisse und mehr Impulse: Dies wäre eine «Strategie der Reduktion», die der Herausforderung der veränderten Gewohnheiten des Publikums begegnet.

Offene Fragen:

Muss man den Einsatz institutioneller Subventionen im Namen der Stärkung der diskursiven Dimension von Festivals überdenken?

Wenn man quantitative Wachstumskriterien infrage stellt und stattdessen auf die (qualitative) Stärkung von Profil setzt: Wie kann man die Sponsoren eines Festivals einbinden?

Muss man Rezeption, Vermittlung und Partizipation des Publikums in der Programmierung der Festivals klarer in den Vordergrund stellen?

Wie kann man digitale Kompetenz fördern, um die Chancen und Grenzen eines Festivals überblicken zu können?

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